Haas/Freudenberg: Reformierte Theologie in Erlangen

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2. Kapitel
Die Geschichte des Lehrstuhls für Reformierte Theologie
seit 1847Klick zeigt Anmerkung

  Mit der Berufung Ebrards am 12. September 1847 begann die Geschichte des Lehrstuhls für Reformierte Theologie in Erlangen. Laut Gründungsurkunde war und ist er eine ordentliche Professur, die aber lange Zeit "extra facultatem" stehen mußte, also außerhalb der Theologischen Fakultät, weil diese laut ihrer Verfassung von 1743 lutherischer Konfession ist und deren Status nicht verändert werden durfte. Dieser extra-facultatem-Status war ein Unikum, das es so an keiner anderen deutschen Universität gab. Diese Sonderstellung hatte der Lehrstuhl über 123 Jahre bis 1970. Das bedeutete, daß der jeweilige Lehrstuhlinhaber eigentlich eine ganze Fakultät zu vertreten hatte und die Freiheit besaß, jede theologische Disziplin zu lehren, was so universale Männer wie Ebrard und Müller auch leisten konnten.

  Es kam bald zu Bemühungen, die Position des Lehrstuhls zu verstärken, indem Ebrard am 13. Mai 1852 die Bildung einer weiteren und engeren Fakultät, das Speyerer Konsistorium am 7. September 1852 gar die Errichtung einer kleinen reformiert-unierten Fakultät beantragte. Das lehnten jedoch die Theologische Fakultät und der Senat als den Rechten der Universität widersprechend ab.Klick zeigt Anmerkung Nach Ebrards Versetzung als Konsistorialrat nach Speyer am 28. Februar 1853 wurde bei der Frage der Wiederbesetzung seiner Stelle die Forderung erneuert, jährlich eine Ehrenpromotion vorzunehmen. Alle diese Anträge wurden zurückgewiesen, ebenso der des pfälzischen Konsistoriums vom Herbst 1855, neben dem ordentlichen Professor für Reformierte Theologie - seit 1853 war das Johann Jakob Herzog - einen außerordentlichen Professor in der Person des deutsch-reformierten Pfarrers Karl Goebel, Kraffts Schwiegersohn, zu ernennen. Dazu sollten die durch den Tod des außerordentlichen Professors von Ammon flüssig gewordenen Mittel verwendet werden. Doch es blieb bei diesem einen Lehrstuhl.

  Der Professor für Reformierte Theologie war durch seine extra-facultatem-Stellung einer Reihe von Einschränkungen unterworfen. Er konnte nicht an den Fakultätssitzungen und an Sitzungen wichtiger Ausschüsse teilnehmen und auch nicht Dekan der Theologischen Fakultät werden. Wohl gehörte er dem Großen Senat an und konnte Prorektor der Universität werden. Zwei der Professoren, nämlich Sieffert und Müller, bekleideten einmal dieses hohe Amt für je ein Jahr. Da der König bis 1918 nominell der Rektor magnificentissimus war, entsprach dieses Amt der Stellung der späteren Magnifizenz bzw. des Präsidenten. Daß diese Stellung unbefriedigend blieb, geht aus den Bemühungen Müllers hervor. In der Zeit vom 19. Juli 1913 bis 3. August 1914 versuchte er, durch Eingaben eine Eingliederung des Lehrstuhls in die Fakultät zu erreichen. Die Zeit war aber dafür noch lange nicht reif, und der Versuch mußte scheitern. Einen kleinen Erfolg hatte er doch, denn es wurde "die Mitbeteiligung des ordentlichen Professors der ref. Theologie am Promotionswesen sowie die Zulassung zur Wahl in den Disziplinarausschuß, in die Honorarienkommission, in die Bibliotheks- und Lesezimmerkommission"Klick zeigt Anmerkung erwirkt.

  Das waren kleine Trostbrocken, mit denen sich Müller zufriedengeben mußte. Er hielt aber grundsätzlich seinen Anspruch aufrecht: "Mit diesen beiden Hauptpunkten will ich mich, wie gesagt, für meine Person zunächst zufriedengeben. Aber um der von mir vertretenen Professur willen halte ich es für meine Pflicht, nachdrücklich darauf hinzuweisen, daß eine grundsätzlich befriedigende Stellung des ordentlichen Professors der reformierten Theologie nur durch seine Aufnahme in die Fakultät herbeigeführt werden kann. Es soll in alle Zukunft nicht gesagt werden dürfen, daß der gegenwärtige Inhaber dieser Professur deren innerlich berechtigte Ansprüche grundsätzlich preisgegeben habe (...)".Klick zeigt Anmerkung So blieb es bei dem extra-facultatem-Status noch lange Zeit bis Ende 1969.

  Bislang zählt der Lehrstuhl für Reformierte Theologie neun Professoren: Johann Heinrich August Ebrard, Johann Jakob Herzog, Anton Emil Friedrich Sieffert, Johann Martin Usteri, Ernst Friedrich Karl Müller, Paul Sprenger, Jan Remmers Weerda, Joachim Berthold Staedtke und Alasdair Iain Campbell Heron. Unter diesen waren zwei Schweizer (Herzog und Usteri), zwei Nordwestdeutsche (Weerda und Staedtke), ein Erlanger hugenottischer Abkunft (Ebrard), ein Anhaltiner (Müller), ein Ostpreuße (Sieffert), ein Rheinländer (Sprenger) und ein Schotte (Heron). Zwei von den Deutschen kamen auf dem Umweg über die Schweiz nach Erlangen (Ebrard und Staedtke). Zu diesen Professoren zählten bedeutende Gelehrte, von denen über den Bereich ihres Lehrstuhls hinaus auch unierte und zahlreiche lutherische Theologen profitierten. Mehrere Generationen pfälzischer Pfarrer wurden in Erlangen trotz der reformierten Prägung der Theologie bis 1945 ausgebildet. Einige der Professoren starben früh: Usteri 42jährig nach nur einem halben Jahr Tätigkeit 1890, Sprenger 46jährig 1945, Weerda 57jährig 1963 und Staedtke 53jährig 1979.

  Ein sehr wichtiges Kapitel war und ist das der Lehrstuhlbesetzungen. Es beinhaltet einerseits die Regelung der Kompetenzen, andererseits die seit 1945 immer wieder aufgetretenen Gefährdungen des Lehrstuhls. Für die Besetzung des Lehrstuhls kamen in der Zeit des Königreichs Bayern drei Instanzen in Frage: dem bestallenden Staatsministerium gegenüber als begutachtende und nominierende Gremien das Oberkonsistorium in München, das Konsistorium in Speyer und die Theologische Fakultät in Erlangen. Die kleinen reformierten Gemeinden rechts des Rheins waren weder bei der Gründung des Lehrstuhls beteiligt, noch wurden sie später gefragt. Als sie sich aber 1856 endlich wieder einen Zusammenschluß in Form einer Synode und eines Moderamens erkämpft hatten, konnten sie die Möglichkeit versuchen, eine Beeinflussung vorzunehmen. Sie taten das auch einerseits eingedenk der Ämterlehre Calvins, nach der die theologischen Lehrer zu den unumgänglichen Amtsträgern der Kirche gehören, und andererseits aus existenziellem Interesse. Dabei ging es der Synode um die baldige Wiederbesetzung bei einer Vakanz, aber auch darum, daß ein rechter Vertreter reformierter Lehre ernannt wurde, wofür man in der Pfalz begreiflicherweise nicht das nötige Interesse aufbrachte. So hat die reformierte Synode von 1877 nach der Quieszierung Herzogs auf einen Antrag ihres Präses Ebrard hin eine Eingabe an das Staatsministerium gerichtet, da die Wiederbesetzung länger anstand, bis der Landtag die nötigen Mittel bewilligte, und da man befürchtete, es könnte ein unierter pfälzischer Theologe berufen werden. Man wollte einen reformierten Professor und bat das Ministerium: "Hochdasselbe wolle diese für die ref. Kirche Bayerns so wichtige Stelle mit einem dem Bekenntnis der ref. Kirche treuen Theologen besetzen." Ebrard erinnert, daß der Name bisher "Professur für Reformierte Theologie mit besonderer Berücksichtigung der unierten Kirche der Pfalz" hieß und meint, es wäre falsch, "Professur für unierte Theologen mit Berücksichtigung der reformierten Gemeinden" zu sagen. Weiter heißt es in den Synodalakten: "In unseren Gemeinden sind dogmatische und religiöse Streitigkeiten unerhört und haben dieselben immer im religiösen Frieden gelebt. Sie sind unberührt von pietistischem Wesen, aber sie verlangen von ihren Pastoren, daß streng nach der Bibel gepredigt wird." Nach Siefferts Weggang 1889 stellte die Synode unter Präses Philipp Emil Haenchen den Antrag, daß bei der Wiederbesetzung künftig auch die Wünsche des Moderamens gehört werden möchten, da es ja ein reformierter Professor sein muß, der auch bei der Berufung außerbayerischer reformierter Pfarrer in unseren Gemeinden durch ein Kolloquium tätig sein muß. Auch bestehe die Gefahr, daß bei den kirchlichen Parteiverhältnissen der Pfalz jemand Professor wird, der der Reformerrichtung angehört. Das Oberkonsistorium antwortete, daß sich laut der Verfassung das Oberkonsistorium München bzw., soweit die Pfalz in Betracht kommt, das Konsistorium Speyer bei der Besetzung von theologischen Lehrstühlen gutachtlich äußern dürften und diese Befugnis nicht auf Synoden oder auf das Moderamen ausgedehnt werde. Gleichwohl bat die Synode 1890 nach dem schnellen Tod Usteris wieder, daß ein gläubiger reformierter Gelehrter, nicht ein liberaler, in die Professur berufen werde. Das Oberkonsistorium (Adolf Stählin) antwortete diesmal: "Bei der Wiederbesetzung des leider so bald wieder erledigten Lehrstuhls für ref. Theologie in Erlangen werden wir in unserem Gutachten die kirchlichen Interessen der ref. Gemeinden ebenso vertreten, als wir es bei der Berufung des Professors Usteri getan haben." Das klang schon anders. Damals blieb der Lehrstuhl für zwei Jahre vakant bis zur Berufung Müllers 1892. Wie schon früher einmal 1889, wurde 1895 von der Synode beantragt, daß der Professor für Reformierte Theologie der Synode als ordentliches Mitglied angehören solle. Die Professoren Herzog, Sieffert und auch Müller hatten nur als Gäste ohne Stimmrecht an den Synoden teilgenommen. Dies wurde 1897 durch eine Entschließung des Staatsministeriums genehmigt. Die Synode begrüßte Müller als ordentliches Mitglied in ihren Reihen. Seitdem konnte der Professor für Reformierte Theologie auch zum Präses der Synode gewählt werden, welches Amt Müller 29 Jahre lang von 1906 bis 1935 innegehabt hat. Nach Aufhören des Staatskirchentums wurde in den reformierten Kirchenordnungen von 1919, 1956 und 1972 fest verankert, daß der Professor für Reformierte Theologie der reformierten Synode als ordentliches Mitglied angehört. Die Professur steht seit Müller in enger Beziehung zur Ev.-ref. Kirche in Bayern.

  Nach 1945 begann für den Lehrstuhl die Geschichte seiner Gefährdung. Schon nach Müllers Tod 1935 drohte die Gefahr, daß er eingezogen und die Theologiestudenten der Pfalz an die Fakultät in Heidelberg verwiesen würden. Nun hatte der Landeskirchenrat in Speyer im Sommer 1934 doch noch von seinem Vorschlagsrecht Gebrauch gemacht und für die Wiederbesetzung drei Kandidaten nominiert: Alfred de Quervain, Wilhelm Niesel und Hermann Klugkist Hesse, alle aus Elberfeld. Diese gehörten aber sämtlich der Bekennenden Kirche an und waren nicht NS-Parteigenossen. Angeblich bestanden bei ihnen auch Bedenken didaktischer Art. So nominierte der pfälzische Landeskirchenrat, der auf der Seite der Deutschen Christen stand, auf Vorschlag des kommissarischen reformierten Mitgliedes des Geistlichen Ministeriums in Berlin, Otto Weber, außerdem noch Paul Sprenger. Dieser, der einst Schüler Müllers war, gehörte der NSDAP an. Der Präses des Bundes ev.-ref. Kirchen, Pastor Theodor Kamlah/Göttingen, unternahm mehrfache und schließlich erfolgreiche Schritte in Berlin, um die Berufung Sprengers voranzubringen.

  Zehn Jahre später brachte 1945 nach dem Tod Sprengers die gänzlich veränderte politische Situation mit der Abtrennung der Pfalz vom rechtsrheinischen Bayern für den Lehrstuhl die ernste Existenzfrage, und zwar dann mit jeder Vakanz neu. Die "Vereinigte Protestantisch-Evangelisch-Christliche Kirche der Pfalz" bedurfte nun des Lehrstuhls in Erlangen nicht mehr. Für ihren Theologennachwuchs lag Heidelberg und die neu gegründete Universität Mainz näher. Für das kleiner gewordene Bayern mit seinen damals acht reformierten Gemeinden konnte ein Lehrstuhl für Reformierte Theologie als Luxus angesehen werden, zumal ein über die lutherischen Grenzen hinausgehendes Interesse in der Erlanger Fakultät damals nicht vorhanden war. Nach Sprengers Tod 1945 hatte der Lehrstuhl eine längere Vakanz von vier Jahren. Es bestand die Gefahr, daß er eingezogen würde, nachdem die pfälzische Kirche auch ihr Desinteresse bekundete. Es sei doch bekannt, daß man in der Pfalz uniert und nicht reformiert ist, soll gesagt worden sein. Es gereicht umgekehrt der Ev.-Luth. Kirche in Bayern zur Ehre, daß sie sich nicht mit dem Odium, die reformierte Professur aufgegeben zu haben, belastet hat. Vielmehr soll Landesbischof Hans Meiser zur Frage, ob der Lehrstuhl aufgehoben werden soll, gesagt haben: "Das tun wir nicht!" Da man in Bayern damals auf den Wiederanschluß der Rheinpfalz hoffte, wurde der Lehrstuhl 1949 schließlich doch wieder besetzt. Man scheint in reformierten Kreisen Deutschlands Karl Barth dafür ins Auge gefaßt zu haben. Doch dieser gewichtige Mann mußte der Fakultät unerwünscht sein. Und de Quervain, der zu Gastvorlesungen hier war, konnte sich nicht entschließen, die Schweiz in Richtung Erlangen zu verlassen.

Kirchenrat Friedrich Jung

  Schließlich wurde Jan Remmers Weerda berufen. Während der vierjährigen Vakanz 1945-1949 war der Pfarrer der reformierten Gemeinde Kirchenrat Friedrich Jung mit der Leitung des Seminars für Reformierte Theologie betraut und hielt für die Studenten Übungen ab.

  Nach dem Tode Weerdas 1963 konnten derartige politische Gesichtspunkte keine Rolle mehr spielen. Damals drohte noch zu seinen Lebzeiten ein Angriff auf das Promotions- und Habilitationsrecht des Lehrstuhls für Reformierte Theologie und damit auf das Fortbestehen der Professur im Zuge einer neuen Fakultätsordnung unter dem Dekan Wilhelm Maurer. Man wollte den Lehrstuhl offenbar für ein anderes Fach kassieren. Hier empörte sich der Altphilologe Otto Seel, der selbst reformiertes Gemeindeglied war, und schritt mit einer scharfen Demarche ein. Allerdings war die Position des Lehrstuhls sehr geschwächt, da sich die Hoffnung auf Wiedergewinnung der Rheinpfalz und damit eine engere Verbindung zur dortigen Landeskirche nicht erfüllt hatte und somit dem Lehrstuhl für Reformierte Theologie die Studenten fehlten. Auch der für das akademische Reformiertentum maßgebliche Weber in Göttingen dachte damals daran, daß man den Erlanger Lehrstuhl eingehen lassen sollte.

  Wider Erwarten wurden die Befürchtungen durch einen 1964/65 erfolgten Stimmungsumschwung in der Fakultät zerstreut, die nun ihrerseits starke Bemühungen unternahm, den Lehrstuhl nicht nur wiederzubesetzen, sondern ihn sogar zu unterstützen. Man wollte nach Aussagen des Neutestamentlers Gerhard Friedrich vermeiden, daß sich eine Tragödie wie bei Weerda wiederhole. Auch setzte sich Präses Robert Klein sehr für die Wiederbesetzung ein. So kam es zu einer Reihe von Probevorlesungen: Es stellten sich vor der Schweizer Andreas Lindt, der Rheinländer J.F. Gerhard Goeters, der aus Ungarn stammende Niederländer Attila Szekeres und schließlich der Ostfriese Joachim Staedtke. Dessen Vortrag über Bullinger gefiel so gut, daß die Wahl auf ihn traf. Von Anfang an begegnete dem neu Ernannten Wohlwollen, Hilfsbereitschaft und Kollegialität von seiten der Fakultätskollegen. Er erhielt sogar als erster in der Geschichte des Lehrstuhls die Erlaubnis, an den Fakultätssitzungen als Gast teilzunehmen, und hatte das Mitspracherecht bei der Planung der Lehrveranstaltungen. Damit war ein erster Schritt zur Eingliederung des Lehrstuhls in die Fakultät getan.

  Schon 1968 kam es diesbezüglich zu weiteren grundsätzlichen Änderungen. Einmal hatte sich schon vor den Berufungsverhandlungen das Moderamen der Ev.-ref. Kirche in Bayern und besonders Präses Klein mit Nachdruck eingeschaltet, um beim Kultusministerium die Liquidierung des Lehrstuhls zu verhindern, und so wurde erstmals außer der pfälzischen Kirche, die sich übrigens wieder mehr interessiert zeigte, auch der bayerische reformierte Präses beteiligt. Wenige Jahre später kam es 1968/69 zu einem rechtsgültigen Briefwechsel zwischen Kultusminister und Moderamen, aufgrund dessen u.a. die staatsrechtliche Regelung getroffen wurde, vor der Ernennung eines reformierten Theologieprofessors das Gutachten der Ev.-ref. Kirche in Bayern einzuholen.

  Das Jahr 1968 leitete noch weitere Verbesserungen für den Lehrstuhl ein, und zwar zunächst in Form eines Kuriosums. Im Zuge der Demokratisierung an den Hochschulen wurde ein Theologiestudent als Vertreter der Fachschaft in die Fakultätssitzungen berufen. Dieser war nun ausgerechnet ein Reformierter. Auf diese Weise durfte ein reformierter Student als volles Mitglied, der Professor für Reformierte Theologie aber nur als Gast an den Fakultätssitzungen teilnehmen. Die Fakultät nahm infolgedessen den Professor für Reformierte Theologie als Zweitmitglied auf. Schon im folgenden Jahr 1969 kam die Verfügung, daß aufgrund eines neuen Hochschulgesetzes Zweitmitglieder in Fachbereichen kein Stimmrecht haben dürfen, so daß wohl der Student, nicht aber der Professor mitstimmen durfte.

  Diese Schwierigkeiten setzten nun endlich den Prozeß zur Eingliederung des Lehrstuhls in die Fakultät in Gang. Die Universität Erlangen-Nürnberg richtete auf Vorschlag der Fakultät einen diesbezüglichen Antrag an das Staatsministerium für Unterricht und Kultus. Dieses wandte sich an den lutherischen Landeskirchenrat um eine Stellungnahme und dieser wiederum an das Moderamen der Ev.-ref. Kirche in Bayern, wobei er seine Zustimmung bekundete. Bei künftigen Berufungsverhandlungen sollte zuerst das Moderamen gutachtlich gehört werden und dann der Landeskirchenrat. Oberkirchenrat Riedel, der Stellvertreter des Landesbischofs, schrieb am 16. September 1969: "Im übrigen würden wir Wert darauf legen, daß der Lehrstuhl auch künftig als 'Lehrstuhl für Reformierte Theologie' bezeichnet wird, damit nicht bei einer Führung unter einer anderen Disziplin Einsparungen vorgenommen werden. Die Beibehaltung der Bezeichnung wäre auch eine Sicherung für den Lehrstuhl selbst." Selbstverständlich begrüßte das Moderamen diese Vorschläge.

  So kam es am 10. Dezember 1969 zur Mitteilung des Kultusministeriums an den lutherischen Landeskirchenrat über die verfügte organisatorische Veränderung, daß bei künftigen Berufungen auf den Lehrstuhl für Reformierte Theologie zunächst dem Moderamen der Ev.-ref. Kirche und dann dem Landeskirchenrat Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben werden solle. Die Bezeichnung "Lehrstuhl für Reformierte Theologie" wurde beibehalten. Der Wortlaut der Entschließung des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 10. Dezember 1969 lautet:

Betreff: Eingliederung des Lehrstuhls für Reformierte Theologie in die Theologische Fakultät

Entsprechend dem Antrag der Universität und der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg wird unter Abänderung des Königlichen Reskripts vom 14. Juli 1847 der an der Universität Erlangen-Nürnberg bestehende Lehrstuhl für Reformierte Theologie unter Beibehaltung seiner Benennung mit Wirkung vom 1. Januar 1970 in die Theologische Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg eingegliedert. Diese Entscheidung ergeht im Einvernehmen mit dem Ev.-Luth. Landeskirchenrat in München, dem Moderamen der Ev.-ref. Kirche in Bayern und dem Protestantischen Landeskirchenrat der Pfalz.

I.A. gez. Dr. Freiherr v. Stralenheim, Ministerialdirektor

  Nun ist also der Lehrstuhl nach 123 Jahren nicht mehr extra facultatem, sondern intra facultatem. Diese neue Stellung festigte natürlich die Position des Professors für Reformierte Theologie und erweiterte seinen Wirkungskreis. In einer Feier der Fakultät am 16. Januar 1970 referierte Staedtke über die Geschichte des Lehrstuhls und seine Bedeutung für die Gegenwart.Klick zeigt Anmerkung

  Der Lehrstuhl für Reformierte Theologie zählt nunmehr als dritter Lehrstuhl im Institut für Systematische Theologie. Seit Staedtke kann der reformierte Professor nun über seinen speziellen Lehrauftrag hinaus die ganze Breite des nichtlutherischen Protestantismus vertreten und neue von der Kirchengeschichte und der gegenwärtigen Theologie her gegebene Fragestellungen und Aufgaben in diesen Auftrag einbringen. Kraft einer durch das Hochschulgesetz von 1974 gegebenen Regelung wird der Professor für Reformierte Theologie auch an der Ausbildung und Prüfung der Lehramtskandidaten für den Religionsunterricht an den Berufs- und Realschulen sowie an den Gymnasien beteiligt. Der Professor für Reformierte Theologie kann auch das Dekanat übernehmen, und 1971/72 war Staedtke als erster Reformierter Dekan der Fakultät. Erstmals wurde dem Lehrstuhl für Reformierte Theologie auch eine Assistentenstelle zugeordnet. Diese war nacheinander von Susi Hausammann (bis 1971), Dietrich Blaufuß (1971-1978), Bernhard Schneider (1979-1982), Alan Torrance (1982-1983), Gotthelf Wiedermann (1984-1988), Robert Redman (1988-1991) und Matthias Freudenberg (seit 1992) besetzt.

  Konnte am Zustandekommen der Eingliederung des Lehrstuhls noch nicht die Leuenberger Konkordie von 1972 maßgebend gewesen sein, so hat sie in der Folgezeit das gute interkonfessionelle Verhältnis in der Fakultät gefördert. Hatte der damalige Studentenpfarrer dem Professor für Reformierte Theologie Weerda bei einer Freizeit der Evangelischen Studentengemeinde, zu der er zu einem Vortrag gebeten war, bei der Abendmahlsfeier noch die Teilnahme verweigert und sollte später Staedtke bei einem Gottesdienst der Evangelischen Studentengemeinde in der Neustädter Kirche das Predigen nur von unten, aber nicht von der Kanzel vom Dekan genehmigt werden, so ist heute bei den Universitätsgottesdiensten nicht nur die Predigt auf der Neustädter Kanzel, sondern auch die Austeilung des Abendmahls eine Selbstverständlichkeit geworden.

  Waren nun aber mit der Eingliederung am 1. Januar 1970 alle Wünsche befriedigt bzw. alle Gefahren beseitigt? Im Laufe der 70er Jahre alarmierten Einsparungsmaßnahmen des Freistaates Bayern aufs neue insofern, als für die Fakultät, die zu diesem Zeitpunkt zwei Systematische Lehrstühle hatte, nun der dritte, Reformierte Lehrstuhl als überflüssig und einsparwürdig gel-ten konnte. Die Gefahr der Liquidierung betraf die sog. "kleinen Fächer". Das Gerücht davon hat Staedtke so erschreckt, daß er sagte: "Wenn ich das gewußt hätte, hätte ich nicht in die Integration eingewilligt." Um den Lehrstuhl für Reformierte Theologie zur Geltung zu bringen, veranstaltete Staedtke im Juli 1977 eine Jubiläumsfeier anläßlich des 130jährigen Bestehens mit Vorträgen von Jürgen Moltmann/Tübingen zum Thema "Theologie und Menschenrechte" und Gottfried W. Locher/Bern zum Thema "Exil als Zeugnis". Bei der Feierstunde am 14. Juli 1977, an der die ganze Fakultät, die reformierte Pfarrerschaft und die Erlanger Öffentlichkeit teilnahmen, sprachen sich Universitätspräsident Fiebinger und Dekan Peter Poscharsky in ihren Grußworten für die Erhaltung des "kleinen Faches" Reformierte Theologie aus. Pfarrer Haas referierte über die Geschichte des Lehrstuhls. Eine interessante Ausstellung mit ca. 60 Exponaten führte die Geschichte und Bedeutung des Lehrstuhls für Reformierte Theologie vor Augen. Ferner wurden ein Faltblatt und ein Ausstellungskatalog erstellt.

  Nach Staedtkes Tod am 7. Dezember 1979 trafen viele Kondolenzschreiben ein, von denen hier nur das des bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß zitiert sei: "Zum Tod ihres langjährigen Präses speche ich der Evangelisch-Reformierten Kirche in Bayern mein herzliches Beileid und die Anteilnahme der Staatsregierung aus. Allzu früh ist das Amt verwaist, das Staedtke mit so viel Umsicht geleitet hat. Der Verlust wiegt um so schwerer, als er zugleich den Abschied von einem Gelehrten bedeutet, der für seine theologischen Forschungen und Schriften das Ansehen der Fachwelt auch außerhalb Deutschlands genoß. Ich wünsche der Evangelisch-Reformierten Kirche einen würdigen Nachfolger." Die Fakultät bemühte sich nun sehr um die Wiederbesetzung und besorgte für die 1 1/2jährige Vakanz Vertretungen aus dem Ausland. So konnten Ernst Saxer/Zürich-Dübendorf für das Sommersemester 1980, Josef Smolik/Prag für das Wintersemester 1980/81 und Elémér Koczis/Debrecen für das Sommersemester 1981 gewonnen werden. Damit manifestierte sich die Öffnung der Fakultät zur ausländischen reformierten Theologie hin und führte dann zur Wiederbesetzung mit dem Schotten Alasdair Heron im Herbst 1981.

  Die Gefahrensituation hat sich für den Lehrstuhl seit 1970 zunächst verringert. Dies zeigt auch ein Schreiben des Oberkirchenrats Glaser, Vertreter des Landesbischofs der Ev.-Luth. Kirche in Bayern, in dem er 1986 Heron bat, in Erlangen zu bleiben, als dieser einen Ruf nach Austin/Texas erhalten hat. Welche Anerkennung Heron von lutherischer Seite schon bekommen hatte, zeigt u.a. seine Mitbeteiligung in der Prüfungskommission der Ev.-Luth. Kirche in Bayern und bei den Universitätsgottesdiensten in der Neustädter Kirche. Ihre starke Verbundenheit mit dem Lehrstuhl bekundete die Ev.-ref. Kirche in Bayern u.a. dadurch, daß sie 1987 ein Einfamilienhaus in Buckenhof für die reformierten Theologieprofessoren ankaufte, das Heron als erster bezog.

  Das Reformierte Seminar besteht seit seiner Gründung durch Sieffert im Jahr 1886. Lange Zeit hatte es sein Unterkommen in einem kleinen Raum im 1. Stock des Kollegienhauses, sehr einfach eingerichtet mit einem langen Tisch, ein paar Stühlen und einem nicht übermäßig bestückten Bücherregal. In dem 1958 erbauten Seminargebäude in der Kochstraße 6 hat es nun ein geräumiges Domizil mit großem Arbeitsraum sowie Zimmern für den Professor, den Assistenten und die Schreibkraft. Ein bestimmter Etat trägt zum Bücherbestand bei. Die Ev.-ref. Kirche in Bayern hat dazu anfangs auch mit einer Geldspende beigetragen. Hier tauchte ein Problem auf. Durch das am 1. Oktober 1974 erlassene bayerische Hochschulgesetz erfolgte eine Zentralisierung, derzufolge die Seminarbibliotheken der Universitätsbibliothek eingegliedert wurden und so keine Eigenständigkeit mehr besitzen. So gibt es nominell auch kein Seminar für Reformierte Theologie mehr. Tatsächlich besteht es natürlich weiter, und für Heron konnte nicht nur eine Halbtagsstelle einer Sekretärin gewonnen, sondern 1987 auch ein Computer als erster in der Fakultät für die Bearbeitung von Texten angeschafft werden.

  Zur Unterstützung des Lehrstuhls für Reformierte Theologie hat die Ev.-ref. Kirche in Bayern 1967 ein kleines Theologenkonvikt gegründet. Das geschah auch in Erinnerung an das private Konvikt Müllers, der dieses in seiner Wohnung Marquardsenstraße 10 fünfzehn Jahre lang hatte. Das Calvinhaus konnte nach seinem Tod 1935 nicht mehr gehalten werden. Die Erinnerung daran war in der reformierten Gemeinde geblieben, und so kam es, daß Frau Frieda Herold ihr sog. Falkeisenhaus am Schloßplatz 1 der Gemeinde mit der Auflage vererbte, es "für studentische Zwecke" zu verwenden. Da das alte Haus dafür nicht verwendbar war, gelang 1966 durch Verwendung von Präses Klein der Ankauf durch das Staatsministerium des Innern und dadurch ein Haustausch, aufgrund dessen die bisherige Pfarrwohnung am Bahnhofsplatz 3, die dadurch frei wurde, zur Errichtung des Konvikts "Calvinhaus" verwendet werden konnte. Die Ev.-ref. Kirche richtete 1967 darin zunächst 7, dann 11 Studentenzimmer mit Aufenthaltsraum, Küche und Sanitärräumen ein. Im Herbst 1967 wurde es in einer kleinen Feier, zu der u.a. Rektor, Dekan und Präses erschienen waren, eingeweiht.