Haas/Freudenberg: Reformierte Theologie in Erlangen

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3. Kapitel
Die Professoren am Lehrstuhl für Reformierte Theologie

 

3.1. Johann Heinrich August Ebrard (1847-1853)Klick zeigt Anmerkung

 Johann Heinrich August Ebrard (1847-1853)

  Es war Kraffts Wunsch schon vor 1845 gewesen, daß sein Schüler Ebrard, den er einst getauft hatte, sein Nachfolger auf dem außerordentlichen Lehrstuhl würde. Nun sollte die Verwirklichung dieses Wunsches in besserer Weise kommen. Ebrard kam aus der Schweiz mit großer Freude und übernahm in seiner Vaterstadt als erster und als einziger gebürtiger Bayer auf diesem Lehrstuhl die Professur für Reformierte Theologie.

  Johann Heinrich August Ebrard wurde geboren am 18. Januar 1818 in Erlangen im französisch-reformierten Pfarrhaus Bahnhofsplatz 3, an dem eine Gedenktafel von ihm zeugt. Er war einziger Sohn des französisch-reformierten Pfarrers Francois Elie Ebrard, der von 1801 bis 1812 französisch-reformierter Pfarrer in Schwabach war und die reformierten Gemeinden während der preußischen Zeit als Konsistorialrat in Ansbach vertreten sollte. Seine Mutter war Guillemette Dorothée Catherine, geb. Hohlé. Ebrard entstammte einer französischen Réfugiésfamilie, deren Herkunft er als Geschlecht Ebrard du Gasquet aus Ardailliers in den Cevennen/Languedoc auf westgotische Ursprünge zurückführte. Seine Schul- und Studienzeit, über die er in Band 1 seiner Lebensführungen ausführlich berichtet, verlebte er in Erlangen. Früh schon verlor er 1826 seinen Vater. Bald zeigte sich eine ganz außergewöhnliche Begabung und Regsamkeit, die Gabe schneller Auffassung und der Drang, in alle Gebiete menschlichen Wissens einzudringen und sie zu umfassen. Schon mit 7 Jahren erging er sich in poetischen Versuchen. Als Gymnasiast beschäftigte er sich neben seinem Schulpensum mit Astronomie, Physik, Mathematik, Mineralogie und Philosophie. Rektor Döderlein war von großem Einfluß auf ihn, ebenso Harleß und Hofmann im Religionsunterricht, und dann vor allem der Pfarrer der deutsch-reformierten Nachbargemeinde Krafft. Diese Einflüsse sowie die Tradition des Elternhauses, in dem er sich schon als Gymnasiast mit Calvin, der Confessio Helvetica posterior und Endemanns Dogmatik beschäftigte und sich schon einen erheblichen Schatz an theologischem und reformiert geprägtem Wissen verschaffte, führten ihn im Herbst 1835 zum theologischen Studium bei Olshausen, Höfling, Krafft, Hofmann und Harleß. Mit Eifer trieb er daneben unter Friedrich Rückerts Anleitung orientalistische Studien, und die Lebendigkeit seines Geistes richtete sich auf die Elemente zahlreicher Wissenschaften und Künste. Er gab sich ferner mit Überzeugung und Begeisterung einem fröhlichen Studentenleben in der 1836 von ihm mitbegründeten christlichen Verbindung Uttenruthia hin, für die er 1861 zum Verfasser ihrer Geschichte wurde. In diesem Kreis fand sein offener Sinn für Freundschaft und Natur reiche Nahrung, und begeistert hat er noch später die ausgedehnten Wanderungen durch die fränkische Heimat beschrieben. Ein Jahr brachte er 1838/39 in Berlin zu, wo ihn besonders der Philosoph Heinrich Steffens anzog. Er hörte u.a. August Neander, August Twesten, Philipp Konrad Marheineke, David Friedrich Strauß, Friedrich Adolf Trendelenburg und Carl Ritter, während er an Ernst Wilhelm Hengstenberg keinen Gefallen fand. Im Herbst 1839 bestand er in Ansbach das 1. Examen mit Auszeichnung und übernahm dann eine Hauslehrerstelle im Pfarrhaus Friedrichsdorf im Taunus, wo er damals noch gut erhaltene hugenottische Tradition erlebte.

  Kraffts Einfluß war es hauptsächlich, der den hochbegabten und reich gebildeten Jüngling dazu bestimmte, sich für die akademische Laufbahn zu entscheiden und zuzurüsten. Die merkwürdigen Verhältnisse an der Erlanger Universität veranlaßten ihn, der 1841 zum Dr. phil. promoviert wurde, sich zunächst an der Philosophischen Fakultät zu habilitieren. Er begann im Sommer 1842 Vorlesungen zu halten, und zwar über das Verhältnis von Philosophie und Theologie und über Kohelet. Unter seinen Zuhörern hatte er die später bedeutenden Lutheraner Adolf Stählin und Christoph Ernst Luthardt. Am Ende dieses Sommers unterzog er sich dem 2. Examen, ließ sich, um Krafft im Pfarramt unterstützen zu können, ordinieren und trat mit Beginn des Winters als Lic. theol. und Privatdozent in die Theologische Fakultät über, wo er im Jahr darauf eine Repetentenstelle erhielt. Die Vielseitigkeit seiner Interessen hielt schon den werdenden Dozenten nicht an den Grenzen eines bestimmten Faches fest. Er las über Altes und Neues Testament, aber auch über schweizerische Reformationsgeschichte.

  Mit einem Schlag wurde Ebrard in weiten Kreisen bekannt und berühmt, als er 1842 sein umfangreiches Buch Wissenschaftliche Kritik der evangelischen Geschichte. Ein Compendium der gesamten Evangelienkritik herausgab. Dieses Werk stellte ihn in die erste Reihe der Kämpfer gegen David Friedrich Strauß, welcher mit seinem epochemachenden Das Leben Jesu die Geschichtlichkeit der Evangelienberichte in Zweifel gezogen und diese als Mythenbildungen gewertet hatte. Das energische Verteidigen der historischen Grundlagen des Christentums und leidenschaftliche Auftreten gegen Strauß brachte Ebrard 1844 den Ruf als außerordentlicher Professor der Theologie nach Zürich ein, wohin er nach längerem Schwanken - er hatte zunächst sogar eine Absage erteilt - übersiedelte. Zuvor hatte er, von Krafft getraut, Luise v. Loewenich, eine Tochter aus der angesehenen reformierten Fabrikantenfamilie vor dem Nürnberger Tor, geheiratet. Mit ihr, die seine Arbeiten und Kämpfe begleitete, hatte er drei Söhne.

  In Zürich fand Ebrard bei den aristokratisch-pietistischen Kreisen freundliche Aufnahme. Dort waren die Grundlagen des positiv-biblischen Christentums durch die radikale Richtung, die Strauß ohne Erfolg nach Zürich zu bringen versucht hatte, sehr erschüttert worden. Man begrüßte in Ebrard den Kämpfer wider die auflösenden Tendenzen. Ebrard ergriff mit Freude die Aufgabe, wie er selbst schreibt: "In die theologischen Kämpfe ging ich frisch hinein." Als Organ dieser Kämpfe gründete er in Gemeinschaft mit Johann Peter Lange eine Wochenschrift Die Zukunft der Kirche, die sich in Gegensatz zu der die junghegelsche Richtung vertretenden Kirche der Gegenwart Alois Emanuel Biedermanns stellte. Ebrards akademische Kollegs, in denen er außer biblischer Exegese auch Enzyklopädie und Kirchenrecht las, wirkten nicht zuletzt durch die Frische seines Wesens. Ferner nahm er Anteil an dem reichen kirchlichen Leben der Schweiz, besonders verfolgte er mit zustimmendem Interesse die Waadtländische Separation. In diese Zeit fällt als verdienstvolles Werk die Herausgabe des Reformirten Kirchenbuchs (1847), einer Sammlung der im 16. und 17. Jahrhundert in reformierten Kirchen gebräuchlichen Gebete und Formulare, die in der Zeit der drohenden Auflösung eine dankbare Unterstützung für das reformiert-kirchliche Bewußtsein bedeutete. Bei den reformierten Gemeinden Bayerns hat dieses Kirchenbuch durch landesherrliche Genehmigung Eingang gefunden und ist in zweiter, von Gerhard Goebel bearbeiteter Auflage bis nach dem zweiten Weltkrieg in Gebrauch gewesen.

  In Zürich waren Ebrard viele Gegner erwachsen, deren Zahl noch stieg, als er sich theologisch mit Schärfe gegen seinen Kollegen Alexander Schweizer wandte, der seit 1846 entschieden liberal lehrte. Als Ergebnis dieses dogmatischen Streits gab er, allerdings erst 1848/49 von Erlangen aus, zwei Schriften heraus und wandte sich auch später in seiner Dogmatik heftig gegen ihn. Da der nationale Erziehungsrat, in dem radikale Mitglieder saßen, nichts für eine Beförderung Ebrards tat, nachdem dieser einen Ruf nach Wien abgelehnt hatte, strebte er von Zürich weg. In liberalen Kreisen hat man es nicht bedauert, als er im Herbst 1847 nach nur dreijähriger Tätigkeit Zürich wieder verließ, um dem Ruf auf den endlich gegründeten Erlanger Lehrstuhl zu folgen.

  In Erlangen scheinen sich Ebrards vielseitige Fähigkeiten zu besonderer Blüte entfaltet zu haben. Müller schreibt: "Mit erstaunlicher Lebhaftigkeit widmete er sich seinen große Kreise von Studenten anziehenden Vorlesungen, in deren Mittelpunkt jetzt die Dogmatik tritt, in denen er aber auch altes und neues Testament behandelt [sic!], treibt private theologische Studien auf verschiedenen Gebieten (...), nimmt thätigen Anteil an den Bewegungen des kirchlichen und politischen Lebens, an lokalen Aufgaben der Inneren Mission und Armenpflege, besucht kirchliche Versammlungen in nah und fern (...), sendet hier und dorthin eine polemische Broschüre"Klick zeigt Anmerkung. Er gründete 1851 zusammen mit Superintendent Ball/Radevormwald und Pastor Treviranus/Bremen die Reformierte Kirchenzeitung und leitete das Blatt bis 1853 als sein erster Schriftleiter, der für die weithin vergessene reformierte Sache kämpfte. Dabei war er alles andere als ein weltverschlossener Gelehrter. Er fand Zeit zu größeren Reisen, wie 1850 zur Londoner Allianzversammlung, die er sehr anschaulich schildert, zu geistig anregendem Verkehr, zu allerlei körperlichen Übungen, zu Musik und poetischen Arbeiten und reicher schriftstellerischer Tätigkeit. In der Erlanger Zeit entstanden u.a. die zweite umgearbeitete Auflage zur Evangelienkritik (3. Aufl. 1868), die Kommentare zum Hebräerbrief (1850) und zur Offenbarung Johannis (1853), eine zweibändige Dogmatik (1851/52) sowie die Vorlesungen über praktische Theologie (1854).

  Mit großem Eifer setzte sich Ebrard für die Geschicke der bayerischen reformierten Gemeinden ein. Es war die Zeit, in der der neue lutherische Konfessionalismus unter Löhe und seinen Freunden gegen die Vereinigung der Reformierten und Lutheraner, wie sie in der protestantischen Kirche in Bayern gegeben war, Sturm lief. Demgegenüber waren die Reformierten, seit 1810 den lutherischen Dekanen und Konsistorien unterstellt, ziemlich rechtlos und führten nun einen jahrelangen Kampf um die Genehmigung einer Synode im Sinne reformierter Kirchenordnung. Ebrard war es, der zusammen mit den beiden Pfarrern der französisch-reformierten und deutsch-reformierten Gemeinden Renaud und Goebel sich an einem Herbsttag 1852, ohne erst nach damaliger Vorschrift um Genehmigung von oben angehalten zu haben, als "Moderamen für die reformierten Angelegenheiten" konstituierte.Klick zeigt Anmerkung Das Oberkonsistorium ging darauf ein und vertrat die Sache nach oben. Das führte dann allerdings erst nach noch längeren Auseinandersetzungen 1856 zur Bildung der reformierten Synode, als Ebrard längst in der Pfalz war. Aber die Sache in Gang zu bringen, hatte er damals kräftig betrieben, und es zeigte sich, daß seine Stärke auf kirchenpolitischem Gebiet die Stärkung des Reformiertentums war.

  Eine neue Periode in Ebrards Leben begann, als er völlig unverhofft am 16. März 1853 zum Konsistorialrat und Hauptprediger nach Speyer berufen wurde. Diese Versetzung eines Universitätsprofessors war damals nichts Ungewöhnliches. Er mußte sich ohne Protest in den Abschied von seiner Lehrtätigkeit fügen, die er privatim an einzelnen Schülern des Speyerer Lyzeums fortsetzen konnte. Resignierend äußerte er: "Nun hatte meine jugendliche und glückliche Zeit ein Ende." Die Berufung nach Speyer war vom Ministerium in ehrenvolle Form gekleidet worden, aber wohl auf Wunsch von Kollegen erfolgt, denen der gar zu selbständige Mann unbequem geworden war. Ebrard schreibt selbst: "Meine Ernennung zum Konsistorialrat in Speyer war (wie ich nachher aus sicherer Quelle erfuhr) von der streng lutherischen Partei des Ostrheinischen Bayern in München angeregt und vorangebracht worden. Man wollte mich von Erlangen weg haben. Nur freilich nicht darum, damit die Pfälzer Union auf einen sicheren Grund gestellt werde. Wir haben es hier mit einer allgemeinen Erscheinung zu tun. Als Isaak August Dorner 1843 einen Ruf nach Königsberg erhielt, schrieb ihm Hans Larsen Martensen von Kopenhagen: 'Es ist Grundaufgabe der jetzigen Zeit, auf eine tiefere und innigere Union der Schwesterkirchen hinzuarbeiten, was doch wohl aber darauf hinausgehen muß, daß die reformirte Kirche rücksichtlich der Lehre in die lutherische aufgenommen und aufgehoben wird.' Was Martensen so offen aussprach, das ist die Anschauung aller Lutheraner geblieben und nach Kräften in die Praxis übergeführt worden: Lutheranisierung der Union. Zehn Jahre nach jenem Briefe Martensens schien die Zeit gekommen, wo auch die unierte Kirche der Pfalz sich in Angriff nehmen lasse."Klick zeigt Anmerkung Nun hatte man mit Ebrards Wegberufung den unbequemen Mann aus Bayern entfernt, ohne zu bedenken, daß der so Abgeschobene sich auch in der Pfalz als Reformierter erweisen würde.

  Die Schwierigkeiten der rationalistisch bestimmten pfälzischen Kirche, die wir schon aus Rusts Wirken kennengelernt haben, hatten sich mit dem Umsturzjahr 1848, wo sie sich unter Lossagung vom Münchener Oberkonsistorium selbständig gemacht und ihre Presbyterialordnung zugunsten einer demokratischen Verfassung liquidiert hatte, nicht verringert. Für Ebrard brach eine Zeit harter Arbeit und schwerer Kämpfe an. An und für sich vermochte er sich in die pfälzische Kirche, deren Gottesdienste reformiertes Gepräge trugen und deren Unionsurkunde unter Anerkennung der Heiligen Schrift und der allgemein evangelischen Grundlehren die partikulare Prädestination einerseits und die lutherische Realpräsenz andererseits ablehnte, theologisch einzufinden. Er wurde bald die Triebkraft des gesamten Konsistoriums, das eine Reihe wichtiger Aufgaben in Angriff nahm, um die pfälzische Kirche aus dem Rationalismus herauszuführen und auf andere Grundlagen zu stellen. Zu allererst sollte der Unionskatechismus durch einen besseren ersetzt werden, in dem Heidelberger Katechimus und Luthers Kleiner Katechismus zusammengearbeitet wurden. Wie wichtig das war, spricht Ebrard aus: "Das dringendste Bedürfnis war das nach einem besseren Katechismus." In welchem Geiste der bisherige von 1818 abgefaßt war, zeigt die Frage: "Gibt es denn noch höhere geistige Wesen als die Menschen? - Unsere Vernunft läßt uns vermuten, daß bei dem großen Abstand zwischen Gott und den Menschen noch höhere geistige Wesen als die letzteren existieren werden, und die Heiligen Schriften bestätigen es. Sie nennen diese Wesen Engel und unterscheiden gute und böse." Das zweite war die Wiederbeschaffung einer Bekenntnisgrundlage, für die die Confessio Augustana variata von 1540 als Konsensusbekenntnis gegen den Widerstand einer lutherisch gerichteten Gruppe, die die Union im konföderativen Sinn gedeutet wissen wollte, durchgesetzt wurde. Das dritte war die Schaffung einer besseren Kirchenverfassung anstelle der demokratischen von 1848 durch Wiederaufnahme reformierter Elemente. Diese Verbesserungen gingen, wenn auch nicht ohne Widerspruch der Oppositionsgruppen, doch durch und wurden von der Generalsynode akzeptiert. Sehr viel schwieriger wurde der Streit um das Gesangbuch. Das 1823 in der Pfalz eingeführte Gesangbuch gehörte zu den dürftigsten Leistungen seiner Zeit. Wie man außer den für unseren Geschmack unerträglichen Liedprodukten auch die reformatorischen Kernlieder verdorben hatte, zeigt das Beispiel des Abendlieds Paul Gerhards, wo es nun hieß: "Nun ruhen alle Wälder, Vieh, Menschen, Städt und Felder, es schläft die halbe Welt." So wurde die Formulierung "ganze Welt" ersetzt, weil man der Vernunfterkenntnis Ausdruck geben wollte, daß die Erde rund sei und darum nur halb im Schatten liege. Der Beschluß der Generalsynode, ein neues Gesangbuch herzustellen, entsprach einem großen Bedürfnis. Ebrard stellte 1856 einen Entwurf für ein neues Gesangbuch her. Gegen diesen lief aber die Opposition Sturm. Es entwickelte sich ein jahrelanger aufreibender Kampf, in dem anfangs die Generalsynode auf der Seite des Speyerer Konsistoriums stand und auch von München her Rückhalt gegeben wurde. Leider machte das Konsistorium, in dem Ebrard saß, durch ungeduldiges Drängen und Unterschätzung der Widerstandskräfte bei der liberalen Opposition Fehler, die die Pfalz in einen wahren Aufruhr versetzten und schließlich König Max II., der in seinem Land Frieden haben wollte, und das Staatsministerium zum Nachgeben in diesen und anderen Dingen zwangen. Der Hauptleidtragende in den jahrelangen verwickelten Auseinandersetzungen war Ebrard. Am 10. Februar 1861 hielt er eine Predigt über das Malzeichen des Tieres (Off 13,16), das er auf der Stirn der gegen den Glauben stürmenden aufgewiegelten Volksmassen zu erkennen glaubte. Als das Gesangbuch, aber auch die Presbyterialordnung durch ministerielle Anordnung gefährdet und schließlich alle Errungenschaften - Gesangbuch, Katechismus und Kirchenordnung - durch eine neu berufene Generalsynode völlig beseitigt waren, war für Ebrard kein Bleiben mehr. Freiwillig bat er mit folgendem Abschiedsgesuch an den König am 3. April 1861 um seine Quieszierung: "Der Alleruntertänigste wird als Christ der Staatsgewalt und seinem Könige stets den passiven Gehorsam unverbrüchlich leisten. Dagegen sieht derselbe sich zu der ehrfurchtsvollen, aber bestimmten Erklärung veranlaßt, daß er es mit seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, fortan noch länger der Staatsgewalt, resp. Staatskirchengewalt, aktiv als vollziehendes Werkzeug eines Systems zu dienen, welches faktisch eine Unterdrückung der bekenntnistreuen Kirchenglieder und des Bekenntnisses selbst zugunsten einer lichtfreundlichen Partei involvirt. Derselbe stellt es daher dem weisen Ermessen Ew. Majestät anheim, zu erwägen, in welcher Weise er seinem freiwillig verlassenen Lebensberufe als akademischer Lehrer zurückgegeben werden könne. Sollte mutmaßlicher Weise eine sofortige Anstellung als Prof. ord. der Theologie nicht möglich sein, so bittet er Ew. Majestät ganz untertänigst, ihm den seinem Stand und Rang entsprechenden Quiescenzgehalt zugleich mit dem Charakter eines Prof. honor. der Theologie allergnädigst verleihen zu wollen."Klick zeigt Anmerkung Ebrard erhielt seinen Abschied am 20. April 1861, wobei ihm nur die Hälfte seines Gehalts verblieb. Müller schreibt: "Dieser Ausgang gewinnt einen tragischen Zug: die edelsten und auch sachlich berechtigten Absichten und die imponierende Freiheit von jeder Menschenfurcht scheitern nicht bloß an mächtig-widerstrebenden Verhältnissen, sondern doch auch durch ein Übermaß ungeduldiger Willensenergie. Aber Ebrards persönlicher Charakter ging unangetastet aus diesen Kämpfen hervor. Über das Zerbrechen achtjähriger Arbeit der besten Manneskraft durfte er sich damit trösten: 'Gott sucht an den Haushaltern nicht Erfolge, sondern nur, daß sie treu erfunden werden'."Klick zeigt Anmerkung Angesichts dieser menschlichen Katastrophe liegt es nahe, Parallelen zur Speyerer Zeit Rusts zu ziehen, der in derselben Stellung rund zwanzig Jahre früher auch beste Absicht mit großer Ungeduld paarte. Es ist interessant, daß Ebrard, der Rust viel verdankte, nach den Pfälzer Kämpfen ein bitteres Urteil über ihn fällt, weil sein Eingreifen vom Münchener Ministerium aus für Ebrard persönliche Treue vermissen ließ: "Der Mann, der das neue Gesangbuch und alles, was wir unter Gottes Segen seit 7 Jahren zustande gebracht, zu Fall gebracht hat, indem er, ohne es zu wollen, den Rechtsboden unter unseren Füßen wankend machte, war kein anderer als Ministerialrat Rust."

  Mit 43 Jahren emeritiert begab sich Ebrard in seine Heimat Erlangen zurück und "genoß in vollen Zügen das Glück, der leiblichen und geistigen Heimat zurückgegeben zu sein".Klick zeigt Anmerkung Zwei Rufe nach Amerika und eine Anfrage nach Wien beantwortete er ablehnend. Als weitere Enttäuschung stellte sich für ihn die Unmöglichkeit ein, die frühere akademische Tätigkeit an der Universität wieder aufzunehmen. Der Lehrstuhl für Reformierte Theologie war mit seinem Nachfolger Herzog besetzt. Angeblich verlangte die Fakultät von dem früheren Kollegen, daß er sich die venia docendi wiedererwerben solle, welchem Ansinnen Ebrard sich wohl mit Recht widersetzte. So hielt er zunächst im Presbyterialzimmer der französisch-reformierten Gemeinde Vorlesungen vor seinen Uttenreuthern. Es wurde ihm 1863 wieder gestattet, an der Universität als Emeritus theologische Vorlesungen zu halten, "ohne jedoch in den Lehrkörper aufgenommen zu werden". Eine Honorarprofessur hatte man ihm verweigert. An der Fakultät lehrten damals Gottfried Thomasius, Johannes Christian Konrad Hofmann und Franz Hermann Reinhold von Frank. Ebrard wohnte mit seiner Familie im Haus 204 (heute Hauptstraße 19) in der Nähe der französisch-reformierten Kirche. Aus dieser Zeit um 1864 sind sein politisches Interesse und seine Bemühungen für die Einigung Deutschlands zu nennen, die er mit den anderen Professoren Heinrich von Marquardsen, Rudolf von Raumer, Franz Makowiczka und Gustav Leopold Plitt anstrengte. Daß er da gelegentlich scharf gefochten hat, wird in seinem Gedichtbüchlein Schleswig-Holstein. Sechsundvierzig Lieder wider den Dänen (1863), veröffentlicht unter dem Pseudonym Gottfried Flammberg, deutlich. Er erneuerte 1870 mit Plitt und einigen Erlanger Bürgern den 1866 gegründeten Verein für Felddiakonie, der in Verbandslehre für den Einsatz an der Front ausbildete. Diese Felddiakonen leisteten nach einem Bericht Ebrards unter großen Gefahren Beachtliches.

  In vorgerückten Jahren erhielt er im Juni 1875 durch die Wahl der französisch-reformierten Gemeinde ins Pfarramt als Nachfolger Hermann Adelbergs noch ein neues Betätigungsfeld. Nun zog er in das Pfarrhaus ein, in dem er einst geboren war und in dem er dann auch starb. Die letzten 13 Jahre seines Lebens diente er seiner Gemeinde mit großer Hingabe. Sie hatte in ihm, "dem weltbekannten Theologen und Schriftsteller, einen Prediger, der weite Kreise anzog, und (...) wohl den gelehrtesten Pfarrer, den es je gegeben hat, dem es doch nicht zu gering war, das Amt, welches den Abend seines Lebens noch verklärte, mit seelsorgerischer Hingebung zu führen".Klick zeigt Anmerkung Lange konnte man sich in der Gemeinde noch des gütigen weißhaarigen "Herrn Konsistorialrats", welchen Titel er beibehielt, erinnern, wie er täglich seinen Spaziergang durch die Fluren um die Stadt herum machte. Er war sehr beliebt und galt als glänzender und geistsprühender Gesellschafter: "Wo der Herr Konsistorialrat saß, war die dichteste Gesellschaft." In seine Zeit fiel das 200jährige Jubiläum der französisch-reformierten Gemeinde 1886, dessen Feier Ebrard in festlichem Rahmen in der renovierten Kirche hielt. Ihre Geschichte hatte er in dem schönen Bändchen Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth (1885) herausgegeben. Er war von 1876 bis 1885 Präses der reformierten Synode, für die er u.a. eine neue Heidelberger Katechismusausgabe herausgab. Da er der wenige Wochen vor seinem Ableben im Pfarrhaus tagenden Synode nicht mehr beiwohnen konnte, richtete er an sie das bewegende Abschiedsschreiben:

  "In Christo geliebte und geehrte Herren Consynodalen! Mein Herz drängt mich, Ihnen auszusprechen, wie tief es mich schmerzt, bei dieser letzten Synode meines Lebens nicht nur an unseren Beratungen kein Theil nehmen zu können, sondern Ihnen auch nicht einmal persönlich die Hand zum Gruße drücken zu können. Es sind recht dunkle Wege, die der Herr mich führt. Aber sie führen sicher zum Leben. Der Herr walte mit Seinem Geiste über Ihren Beratungen. Lassen Sie bei jedem Ihrer Beschlüsse das Ihr einziges Ziel sein, daß der Wahrheit die Ehre gegeben und die Ehre Gottes gefördert werde. Der Herr mit Ihnen. Amen! In treuer Liebe Ihr geringer Mitknecht August Ebrard." Am Jahresschluß 1887 hatte er zum letzten Mal die Kanzel bestiegen. Am 23. Juli 1888 starb er an chronischer Lungenentzündung und Herzlähmung im Alter von 70 Jahren und wurde drei Tage später unter großer Beteiligung der Gesamtbevölkerung der Stadt beerdigt. Den Anfang der Beerdigungsliturgie hielt Vikar Ditzen, den Schluß, da auf Wunsch der Familie eine Grabrede nicht gehalten wurde, Pfarrer Haenchen. Das Grab befindet sich auf der französisch-reformierten Hälfte des Friedhofs mit einem hochragenden Stein. Das Presbyterium ließ 1902 zum Gedächtnis an Ebrard eine schwarze Marmortafel über der Tür des Pfarrhauses anbringen: "Hier ist D. Dr. August Ebrard, vielseitiger Gelehrter und Schriftsteller, geboren 18. Januar 1818 und als Pfarrer der franz.-ref. Gemeinde am 23. Juli 1888 gestorben."

Johann Heinrich August Ebrard (1847-1853)

  Was beim Überblicken seines literarischen Werks in Erstaunen setzt, ist die ganz außerordentliche Produktivität. Es gab kaum ein Gebiet, auf dem Ebrard nichts zu sagen wußte. Über hundert Bücher hat er geschrieben, nicht gerechnet die zahlreichen Aufsätze in Zeitschriften. In der Theologie gibt es kein Gebiet, das er nicht betreten hätte. Umfangreiche Werke sind seine zweibändige Apologetik (1874/75), die zweibändige Christliche Dogmatik (1851/52, 2. Aufl. 1862), die 4 Bände Handbuch der christlichen Kirchen- und Dogmengeschichte (1865/66) und ein zweibändiges Werk Das Dogma vom heiligen Abendmahl und seine Geschichte (1845/46). Er lieferte eine ganze Reihe von Kommentaren zu biblischen Büchern, einen Versuch einer Liturgik vom Standpunkte der reformirten Kirche (1843), eine Praktische Theologie (1854), ließ eine große Anzahl seiner Predigten drucken und arbeitete an der zweiten Auflage der Realenzyklopädie für protestantische Theologie und Kirche (RE) mit mehreren Beiträgen mit. Daneben aber betätigte er sich als Dichter und belletristischer Schriftsteller, der viele poetische Werke, Novellen, Dramen, Volksschriften unter dem Pseudonym Gottfried Flammberg, Christian Deutsch und Sigmund Sturm veröffentlichte. Zu nennen ist sein um das mittelalterliche Erlangen und die Reichsstadt Nürnberg spielender Heimatroman Kurt Werner (1864), mit dem er sich wie mit anderen historischen Erzählungen ein heimatgeschichtliches Verdienst erworben hat. Ferner schrieb er die Romane Einer ist euer Meister (1856), Die Kreuz-Eiche (1862), Der Feilenhauer (1866), Die Rose von Urach (1869), Der goldne Becher. Fünf Nürnberger Erzählungen (1871), Der Vogelsteller vom Eschlippthal (1871), Vom treuen Kunrat (1872), Donna Elsa (1873) und Hugenottengeschichten (1875). Einige Werke haben eine zweite Auflage erlebt. Viel Romantik durchzieht sie. Ebrard wollte mit ihnen "die Weckung geschichtlichen Sinnes" bezwecken, ein erzieherisches Motiv bei zugleich herausgestellter christlich-sittlicher Tendenzgebung. Das Pseudonym Gottfried Flammberg sollte die durch den Glauben gemilderte leidenschaftliche Natur des Verfassers bezeichnen. Wie vielseitig Ebrard war, nimmt man aber an noch ganz andersartigen Werken wahr, die er über Akustik (System der musikalischen Akustik [1866]), Farbentheorie (Untersuchungen über das Wesen des Lichtes und der Farben [1873]) und Sprachforschungen (Handbuch der mittelgälischen Sprache [1870]) schrieb. Auch die Grundlagen eines Führers durch die fränkische Schweiz und Untersuchungen über die Namen "Rednitz und Regnitz" stammen von ihm. Er schreibt auf dem Vorsatzblatt zur Rose von Urach: "Ich begann die Vorstudien den 2. Juli 1868. Die Ausarbeitung begann ich den 3. September 1868, vollendete das erste Bändchen den 24. September, das zweite den 22. Oktober, das dritte den 8. November 1868." Und das bei einem Buch mit 36 Kapiteln und 605 Druckseiten! Beim Treuen Kunrat, einem Büchlein von immerhin 120 Seiten, heißt es: "Den 9. März 1872 den Gedanken gefaßt, ausgeführt 12. März bis 15. März 1872." Man kann sich Ebrard vorstellen, wie er zum Schreiben und Dichten oft auf den Kirchturm hinaufstieg, um im Türmerstübchen zu arbeiten. Ebrard hat übrigens auch eine ganze Reihe von Psalmen zu den bekannten Hugenottenmelodien neu gedichtet.

  Das alles macht staunen über die faszinierende Genialität und Vielseitigkeit, über die ungeheuere geistige Beweglichkeit dieses Mannes, die in der geistvollen Frische seiner Schriften zutage tritt. "Die Ebrardsche Universalität ist von einer solchen Weite, wie sie einer späteren Zeit schlechterdings nicht mehr möglich sein wird", schreibt Paul Jacobs.Klick zeigt Anmerkung Seine dogmengeschichtliche und religionsgeschichtliche Arbeitsleistung stellt bis heute eine wahre Fundgrube dar. Als Systematiker und Apologet sowie als Liturgiker nimmt er in der Theologie des 19. Jahrhunderts eine Sonderstellung ein. Der Dr. theol. und phil. Ebrard war ein überaus selbständig arbeitender Theologe, der die Strömungen und theologischen Probleme seiner Zeit zwischen Hegel, Romantik und der beginnenden Vorherrschaft der Naturwissenschaften zu verarbeiten und zu beantworten suchte. Er ist ein durch und durch moderner Mensch gewesen, nicht in dem Sinn, als hätte er irgendeinen modernen Glauben an die Stelle des alten Evangeliums setzen wollen. Im Gegenteil: Er hat für das alte Evangelium gegen den Rationalismus in Theologie und Kirche, für die biblische Wunderwelt gegen die Strauß'sche Kritik des Lebens Jesu gekämpft. Aber er zog sich nicht einfach auf die Bibel zurück, sondern begab sich mitten in die Interessen der modernen Welt hinein, überall Anknüpfungen suchend und Verständnis für alle Probleme der Gegenwart beweisend. Was hier zur Bewunderung herausfordert, ist leider aber auch die Schwäche und Tragik Ebrards gewesen. Fragt man sich, was von seinen vielen Werken geblieben ist, womit er Schule gemacht, bahnbrechend gewirkt hat, so muß man erkennen, daß außer dem hohen Klang des Namens Ebrard nicht viel geblieben, ja daß er in der Theologie fast ganz vergessen, 'toter als tot' (Karl Barth)Klick zeigt Anmerkung ist. Woran liegt das? Einmal wohl daran, daß es viele seiner Schriften an Gründlichkeit und Tiefgang fehlen lassen. Man sieht Ebrard als den gleichsam immer Schreibenden vor sich, der auf jede literarische Neuerscheinung sofort reagieren mußte und dies oft mit beißender, verletzender Kritik tat. Sein südfranzösisches Temperament ließ ihn oft übers Maß und Ziel hinausschießen. Wenn Jacobs schreibt, Ebrard sei von seiner Anlage her eine irenische Natur, der die Liebe in der Wahrheitsfrage bewußt voranstelleKlick zeigt Anmerkung, so haben das die theologischen Gegner wohl nicht zu spüren bekommen. Daher war er in der theologischen Welt seiner Zeit der bestgehaßte Mann, den man bereitwillig in Vergessenheit geraten ließ. Zum anderen ist bei ihm unverkennbar ein starker, oft von Selbstlob durchsetzter Subjektivismus, der die Wissenschaft des Urteils wie auch der dargebotenen Materie in Frage stellen muß. Ebrard fühlte sich als reformierter Theologe, der es sich aber leistete, mit mancher dogmatischen Materie sehr eigenwillig, ja willkürlich umzugehen und der die Sache so darbot, wie er selbst sie für reformiert hielt. Er konnte sich wohl für reformierte Kirchenverfassung und Gottesdienstordnung einsetzen, hatte aber für reformierte Lehre vielfach kein Verständnis, wie er etwa die für die ganze Reformation so wichtige Prädestinationslehre in allen ihren Formen verwarf und energisch bekämpfte. Oft trat die nüchterne Forschung hinter den eigenen Empfindungen zurück. So kam es, daß er lange Zeit in der Theologie keine Würdigung gefunden hat. Diese Lücke füllt das von Paul Jacobs 1955 herausgegebene Buch Wille und Wandlung aus. Jacobs zeigt auf, daß die beiden Hauptprobleme, mit denen Ebrard immer rang, das Problem des menschlichen Willens - daher seine Antipathie gegen die Prädestinationslehre - und das der Wiedergeburt zusammen mit seiner Sakramentslehre waren. Ist Ebrard als Theologe auch vergessen, so bleibt sein Ruf als Kirchenmann weit über Bayerns Grenzen hinaus, hat er doch in der damaligen Zeit das darniederliegende reformierte Bewußtsein wieder zu wecken verstanden. Wie die Gründung der Reformierten Kirchenzeitung 1851 geht die Gründung des Reformierten Bundes 1884 durch Friedrich Heinrich Brandes in Marburg ebenfalls auf Ebrards Betreiben zurück.