Haas/Freudenberg: Reformierte Theologie in Erlangen

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3.5. Ernst Friedrich Karl Müller (1892-1935)Klick zeigt Anmerkung

Ernst Friedrich Karl Müller (1892-1935)

  Mit Ernst Friedrich Karl Müller, der rund 43 Jahre in Erlangen gewirkt hat, ist für den Lehrstuhl eine glückliche Ära verbunden. Name und Ruf des Lehrstuhls für Reformierte Theologie wurden durch ihren Inhaber derart bekannt, daß von Erlangen aus auf das inner- und außerdeutsche Reformiertentum starke Wirkungen ausgingen.

  Bis in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges hinein lassen sich Müllers Vorfahren als Besitzer von Wind- und Schiffsmühlen in Magdeburg-Neustadt und Umgebung nachweisen.Klick zeigt Anmerkung Sein Vater Johann Peter war dann als Kaufmann ins Anhaltische gekommen und hatte dort die Buchholzmühle bei Roßlau gekauft. In Mühlstedt/Anhalt wurde Müller am 27. Juli 1863 als das siebte und jüngste Kind geboren. Seine Mutter Albine Junge kam aus Roßlau und entstammte alten anhaltischen und vorwiegend in Köthen lebenden Familien. Ihr verdankt er vor allem die Freude am Humor und die Gabe volkstümlicher Sprache. Ihr Vater war Kaufmann und hatte 1850 das Roßlauer Wochenblatt gegründet, in dem er eine Abteilung "Alte Witze, die immer neu bleiben" einrichtete. Er hatte auch ein Liebhabertheater gegründet, in dem seine Tochter, Müllers Mutter, Teile von Friedrich Schillers Werk auswendig lernte. Kurz nach der Geburt seines jüngsten Kindes verkaufte Müllers Vater die Mühle und das inzwischen auch noch erworbene Schulzengut in Mühlstedt, um als Sparkassenrendant nach Zerbst zu ziehen. Hier und seit einem neuen Wohnortwechsel der Eltern 1877 nach Köthen besuchte Müller das Gymnasium. Mit Hilfe einer von seinem Bruder Max, einem späteren Buchdruckereibesitzer, geschenkten kleinen Druckerei gab er schon damals eine selbstgeschriebene und -gesetzte kleine Zeitschrift für den Familiengebrauch heraus. Wie er zu dem Gedanken geführt wurde, Theologie zu studieren, ist nicht mehr feststellbar. Eigentlich galt sein Interesse der deutschen Literatur und der Geschichte. So hat er damals eine historisch-topographische Darstellung der Stadt Zerbst verfaßt, die wohl der Veröffentlichung wert gewesen wäre.

  Er studierte mit Leidenschaft Theologie seit 1882 in Tübingen und dann in Halle. Mit seinem klaren Biblizismus hatte in Tübingen Johann Tobias Beck auf ihn großen Einfluß gewonnen. Martin Kähler mit seiner tiefen Innerlichkeit wurde in Halle von entscheidender Bedeutung. Ein Bild Kählers stand bis zu seinem Tod auf Müllers Schreibtisch.

  Das 1. Examen bestand er 1886 in seiner Landeskirche und wurde Kreishilfsprediger in Ballenstedt am Harz. Hier kam er in seinen ersten theologischen Kampf und darüber zu seiner klaren reformierten Theologie. Die verschiedenen anhaltischen Gebiete Zerbst, Bernburg, Köthen und Dessau hatten seit der Reformationszeit verschiedene Stellungen zwischen Luthertum und Calvinismus eingenommen. Seit 1820 und zuletzt in Köthen 1880 wurde eine Union eingeführt. Müller, der in einem entschieden lutherischen Raum Anhalts, nämlich in Anhalt-Zerbst, geboren und aufgewachsen war, kam nun plötzlich in das bisher entschieden reformierte Gebiet Anhalt-Bernburg. Hier lernte er den Heidelberger Katechismus kennen, der nun durch Luthers Kleinen Katechismus verdrängt werden sollte. Das rief ihn zum Kampf, obwohl er in seinem Verwandtenkreis davor gewarnt wurde mit dem Hinweis, daß er sonst einmal gewiß keine Pfarrstelle bekäme. Obgleich nur Kandidat, fürchtete er sich nicht, gegen die Zerstörung der reformierten Kirche in seiner Heimat zu kämpfen und einem der ersten Würdenträger der anhaltischen Kirche entgegenzutreten.

  Seine Schrift Die evangelische Landeskirche im Herzogtum Anhalt und der lutherische Katechismus (1889) erschien allerdings erst, als sein Lebensweg eine andere entscheidende Wendung genommen hatte. Er wurde 1888 als Inspektor an das Tholuck-Konvikt in Halle gerufen. Damit eröffnete sich ihm die Möglichkeit zur akademischen Laufbahn. Nachdem er den Heidelberger Katechismus herausgegeben hatte, wurde er 1891 mit der Schrift Die göttliche Zuvorersehung und Erwählung in ihrer Bedeutung für den Heilsstand des einzelnen Gläubigen nach Paulus zum Lic. theol. promoviert, wobei er sich gleichzeitig als Privatdozent habilitierte. Am 24. Oktober 1891 hielt er seine Antrittsvorlesung über den Begriff des Glaubens im Hebräerbrief. Wie schon seine Promotionsschrift zeigte, wurde nun in Halle wieder bewußt reformierte Theologie gelehrt. Man konnte geradezu von dem Beginn ihres Wiedererwachens reden, nachdem der ursprünglich lutherische Müller zu einer entschieden reformierten Überzeugung geführt worden war, aus der heraus er später gelegentlich sagen konnte: "Das Luthertum ist eine unklare Religion." Eine Erweiterung seiner Schrift brachte ihn dann 1892 mit noch nicht 29 Jahren als außerordentlichen Professor nach Erlangen. Am 16. August 1892 schloß er den Ehebund mit Jenny Winkelmann, der Schwester eines Studienfreundes. Die damit beginnende Ehe, der drei Söhne und eine Tochter geschenkt wurden, war eine der wesentlichen äußeren Grundlagen für die innere Weiterentwicklung des jungen Professors wie auch für seine wissenschaftliche und praktische Arbeit.

  Klein war der Kreis, der sich zunächst in Erlangen um Müller sammelte, und er hatte keinen leichten Anfang. Die lutherische Fakultät hatte Dozenten von hohem Ansehen: Franz Hermann Reinhold von Frank, Reinhold Seeberg, Theodor von Zahn, Theodor Kolde, Wilhelm Friedrich Philipp Ferdinand Lotz, später Paul Hermann August Ewald, Ernst Franz Wilhelm Sellin, Ludwig Ihmels, Philipp Bachmann, Wilhelm Karl Alfred Caspari, Hermann Arnold Siegfried Jordan und Reinhold Emil August Wilhelm Hunzinger.

  Aber durch die Übernahme der Schriftleitung für die Reformierte Kirchenzeitung, die er von 1894 bis 1899 innehatte, wurde sein Name rasch weithin bekannt. Dieses Blatt des Reformierten Bundes fand nun große Beachtung und half, in den reformierten Gemeinden die Liebe zu Kirche und Bekenntnis zu wecken. Eine große Produktionskraft entfaltete sich in einer Fülle fesselnder Aufsätze. Ein tüchtiger Mitarbeiterstab, den Müller sammelte, half das Blatt auf eine anerkannte Höhe zu bringen. Während am Anfang seine Vorlesungen und Seminarübungen von nur wenigen Hörern besucht waren, strömten jetzt die Studenten aus den reformierten Kirchen Deutschlands und auch des Auslands herbei und füllten den Hörsaal. Müllers Schwiegersohn Matthias Simon schreibt: "Kristallklar ließ er, 1896 zum ordentlichen Professor ernannt, die Kernstücke reformierter Theologie funkeln, weniger allerdings in unmittelbaren dogmatischen Ausführungen als vielmehr in seiner um ihrer Innerlichkeit willen auch sehr rasch und sehr viel von lutherischen Studenten besuchten neutestamentlichen Vorlesungen. Unter ihnen fand vor allen Dingen seine kursorische Lesung des Neuen Testaments in Übungen ganz besonderen Zulauf." Und Kolfhaus berichtet: "Schriftauslegung und systematische Zusammenfassung gingen bei ihm Hand in Hand, wie er denn auch in jedem Semester die Regel beachtete, neben dem Kolleg aus dem Gebiet der Systematik auch ein exegetisches Kolleg zu lesen", und es wurden die für Müllers theologische Arbeiten kennzeichnenden Charakterzüge "tiefe Ehrfurcht vor der Heiligen Schrift, seltene Klarheit des Denkens und Redens, gediegenes Wissen und das Bewußtsein, zu einer Kirche zu gehören, nicht nur zu einer theologischen Zunft oder zu einem frommen Verein".Klick zeigt Anmerkung

  Bei seiner Trauerfeier 1935 fiel das Wort von der "Fakultät im Kleinen", die Müller vertreten habe. Sprenger schreibt dazu: "In der Tat gibt es wohl kaum ein Gebiet in der Theologie, auf dem sich nicht K. Müller ernsthaft wissenschaftlich in Vorlesungen und Übungen betätigt hätte. Seine Vorlesungen sind deshalb schon von einer Vielseitigkeit gewesen, wie sie sich vielleicht bei der zwangsläufig immer weiter fortschreitenden Spezialisierung in Zukunft nicht noch einmal in dieser Vollkommenheit verwirklichen lassen wird. Ein Blick auf die literarische Tätigkeit zeigt dabei noch die so seltene Paarung von strenger Wissenschaftlichkeit und echter Volkstümlichkeit. So konnte ja auch derselbe Mann, der im Hörsaal vor oft nur wenigen Studenten seine bewundernswert klaren, bis ins Letzte durchdachten und ausgefeilten Sätze vortrug, ebenso auf der Kanzel einer großen Kirche oder an dem Rednerpult eines großen öffentlichen Saales vor Versammlungen von vielen Hundert Menschen seine Zuhörer in einzigartiger Weise fesseln. Erstaunlich war dabei, wie er, der eigentlich von Natur nicht über ein besonders kräftiges Organ verfügte, durch seine vorzügliche Sprechtechnik auch das Ohr des Hörers in der letzten Reihe oder auf der höchsten Galerie erreichte. So ist es kein Wunder, daß er als Redner sehr beliebt war und bis zuletzt, besonders natürlich in den akademischen Ferien, eine außerordentlich reiche Vortragstätigkeit ausübte, an der er auch selbst wiederum sichtlich Freude hatte."Klick zeigt Anmerkung

  Über Müllers Bedeutung für die reformierte Kirche schreibt Kolfhaus: "Als Karl Müller seine Stimme erhob, waren die deutschen Reformierten sozusagen dem Gesichtskreis der theologischen Wortführer entschwunden. Wenn sich jeweilen einer zu uns äußerte, wie etwa Albrecht Ritschl in seiner 'Geschichte des Pietismus', verrieten seine kuriosen Urteile, daß das reformierte Wesen - sowohl der Kirche wie der Frömmigkeit - ein verschlossenes Buch für ihn war. Wir galten als ein Rest aus alten Zeiten (...). Wir hatten noch Gemeinden und treue Pastoren, die sich seit 1884 im Reformierten Bund zu sammeln begonnen hatten, aber ein theologischer Lehrer fehlte uns. Nun stand mitten in der Zunft ein Mann auf mit der Erklärung: Ich bin reformiert! und zugleich mit dem Beweis in der Hand, daß es sich für ihn tatsächlich um die reformierte Sache handele."Klick zeigt Anmerkung So wurde Müller zur namhaften theologischen Leitfigur des deutschen Reformiertentums, der dieses wieder zum neuen Leben erweckte. Barth hat ihn später den Nestor der reformierten Theologie genannt. Die wertvollen Zeugnisse der reformierten Reformation galt es wieder zu heben und zugänglich zu machen. Das erste, was Müller an größeren Werken verfaßt hat, war seine Symbolik, vergleichende Darstellung der christlichen Hauptkirchen nach ihrem Grundzuge und ihren wesentlichen Lebensäußerungen (1896). Dieses Buch entsprach einem dringenden Bedürfnis, weil es dergleichen überhaupt noch nicht gab, und es galt lange als das beste seiner Art. Noch in späteren Jahren hat er gerne sein glänzend besuchtes konfessionskundliches Kolleg gehalten. Die innere Konsequenz der Herausgabe der Symbolik führte zur Herausgabe der Bekenntnisschriften der reformierten Kirche, in authentischen Texten mit geschichtlicher Einleitung und Register (1903). Dieses Werk war von großer Umsicht und die mühevolle Arbeit vieler Jahre. Ein weiteres großes Verdienst bedeutete die Herausgabe von Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Übersetzung (Bde. 1-14) . Dabei hat Müller nicht nur selbst mehrere der z.T. recht umfangreichen Bände übersetzt, sondern auch die von anderen Theologen bearbeiteten Bände ganz durchgesehen und noch einmal gründlich überarbeitet, so daß er gelegentlich sagen konnte: "Schneller hätte ich's selbst gemacht." Ebenso hat er Calvins Hauptwerk Institutio nach der letzten Ausgabe von 1559 bearbeitet und übersetzt (1909). Wie vielseitig und umfangreich Müllers literarische Tätigkeit war, vermittelt das Verzeichnis der im Druck erschienenen Veröffentlichungen in der Müller von Schülern und Freunden zu seinem 70. Geburtstag überreichten Festgabe Aus Theologie und Geschichte der Reformierten Kirche (1933).

  Es seien ferner genannt die zahlreichen Artikelbeiträge zur dritten Auflage der Realenzyklopädie, ferner die Beiträge in den Festschriften für Martin Kähler (Beobachtungen zur paulinischen Rechtfertigungslehre [1905]) und für Theodor von Zahn (Beobachtungen zum neutestamentlichen Sühneglauben [1908]). Daneben verfaßte er zahlreiche kleinere volkstümlich gehaltene Schriften und Aufsätze, mit denen er vornehmlich dem deutschen Reformiertentum diente, dessen zeitweise niedergesunkene Fahne, wie Kolfhaus zu Müllers 70. Geburtstag schrieb, er aufgerollt und im Kampf der Geister vorangetragen hat.Klick zeigt Anmerkung

  Simon schreibt: "In wissenschaftlicher Forschung und gemeindemäßiger Darstellung fühlte sich Professor Müller als ein rechter Müller, der die Getreidekörner in die leichter genießbare und vielfältiger verwendbare Form des Mehls bringt." Und Sprenger urteilt: "Obwohl Müller auf dem Gebiet historischer Forschung viel fruchtbare Arbeit geleistet hat, lag seine Stärke doch ganz in der Systematik. Hier aber war ihm sehr viel an der Form und an der rechten Ordnung des Stoffes gelegen. Er sprach gerne von systematischer Architektonik und war der Überzeugung, daß viele Fragen schon zum großen Teil dadurch beantwortet werden, daß die Stelle, die sie im Rahmen des Ganzen einnehmen, richtig erkannt wird. In dem Sinn für das Statische offenbart sich vielleicht eines der wichtigsten Elemente in seinem geistigen Wesen. Das Dynamische lag ihm ferner, und alles unruhige und aufgeregte Wesen, das sich von Zeit zu Zeit auch in der Theologie geltend machte, lag ihm persönlich fern. Auf Studenten, die davon erfaßt waren, konnte er aber mit der ruhigen Stetigkeit und Beharrlichkeit seines Wesens unendlich wohltuend und beruhigend wirken."Klick zeigt Anmerkung Diese ruhige Stetigkeit und der Hang zur systematischen Architektonik mag mit der eigentümlichen Neigung zusammengehangen haben, gelegentlich in Stunden der Erholung mit Steinbaukästen große Gebäude und Kathedralen zu errichten. Im Unterschied zu vielen anderen Professoren besaß er die Kunst, seine Vorlesungen bei Semesterschluß pünktlich zu Ende zu bringen. Aber auch eine gründliche Vertrautheit mit der klassischen Literatur, dem philosophischen Schrifttum und anderen Gebieten der schönen Künste bestand bei ihm. Sprenger schreibt: "Die Musik muß dabei besonders erwähnt werden, weil er sie selbst mit viel Geschick ausübte. Häufig hat er z.B. in den Gottesdiensten der reformierten Kirche den Organisten ersetzt und dabei in sehr ansprechender Weise zu improvisieren verstanden. Es gab in der Tat wohl kaum eine Form geistiger oder künstlerischer Betätigung, mit der er sich nicht gelegentlich abgegeben hätte."Klick zeigt Anmerkung

  Eine große Schaffenskraft und die Liebe zu seiner Kirche ließen ihn, der nun voll in der theologischen Arbeit steckte, die Wahl der deutsch-reformierten Gemeinde zum Pfarrer und Nachfolger für den verstorbenen Pfarrer Haenchen 1898 annehmen. Er zog, nachdem er erst in der Sieglitzhoferstraße 44 (jetzt Hindenburgstraße) und dann in der Kochstraße 19 gewohnt hatte, mit seiner Familie in das erst ein Jahr vorher von der Gemeinde erworbene neue Pfarrhaus in der Friedrichstraße 43, gegenüber der Kirche am Bohlenplatz. Dreizehn Jahre hat er neben seinem akademischen Lehramt das deutsch-reformierte Pfarramt geführt und neben der Wissenschaft nun der Gemeinde mit Predigt, Unterricht und Seelsorge gedient. Hier brach für die Gemeinde die große Zeit jahrelang überfüllter Gottesdienste an, da schier ganz Erlangen - Studenten, Professoren und Bürgerschaft - in die deutsch-reformierte Kirche zu dem ausgezeichnet und mit biblischer Klarheit predigenden Müller strömte. Lediglich die Schriftleitung der Reformierten Kirchenzeitung gab er 1899 ab. Das Ansehen, das er innerhalb des akademischen Lehrkörpers genoß, zeigte sich darin, daß er für das Jahr 1902/03 zum Prorektor gewählt wurde. Er soll da "ein sehr schneidiges Rektorat" geführt haben. Die Fakultät war nach der Jahrhundertwende mit August Caspari, Philipp Bachmann und Theodor von Zahn bestückt, nach dem ersten Weltkrieg und in den 20er Jahren mit Hermann Wilhelm Heinrich Strathmann, Otto Procksch, Werner Elert und Paul Althaus. Im Jahr 1913/14 versuchte Müller mit Eingaben eine Integration des Lehrstuhls für Reformierte Theologie in die Fakultät. Dies wurde abgelehnt, freilich einige Rechte ihm zugesprochen. Müller wollte sich damit nicht für immer zufriedengeben. Er wurde ferner 1906 zum Präses der reformierten Synode in Bayern gewählt. Als solcher hat er 1908 eine neue vierte erweiterte Auflage des Gesangbuches für die reformierten Gemeinden in Bayern herausgegeben, ebenso eine neue Ausgabe des Heidelberger Katechismus nach neuen, von ihm entwickelten Gesichtspunkten. Die wichtigsten Fragen standen im Fettdruck, die Lernsprüche auf der gegenüberliegenden Seite. Diese Ausgabe war lange Zeit in Gebrauch. Eine schwere Erkrankung - eine Nackenfistel, die bereits den Halswirbel angegriffen hatte - zwang ihn 1911 zum Leidwesen der Gemeinde zur Niederlegung seines Pfarramts. In kaum mehr erhoffter Weise brachte ihm im gleichen Jahr ein längerer Kuraufenthalt in der Schweiz völlige Genesung. Das Präsesamt behielt er bei, wurde 1917 in das deutsch-reformierte Presbyterium wieder gewählt und hat gegen Ende des Krieges die beiden reformierten Gemeinden versorgt, als ihre Pfarrer abwesend waren. Auch an ihrer Vereinigung 1921 war er beteiligt. Der politische Zusammenbruch 1918 zwang zu einer kirchlichen Neuordnung in Bayern. Die seit 1818 bestehende Verwaltungsunion der protestantischen Kirche wurde aufgelöst und die reformierte Kirche wurde selbständig. Müller hatte vorsorglich schon eine neue reformierte Kirchenordnung erarbeitet, die dann von der Synode beschlossen wurde und am 20. Januar 1920 in Kraft trat.

  Als Präses hatte er sich der Gemeinden anzunehmen, die Wahl und Installation der Pfarrer mit zu tätigen, die Synoden einzuberufen und zu leiten. Oft und gern half er mit Predigten aus. Den kranken Nürnberger Pfarrer Christoph Fikenscher hat er lange Zeit vertreten. Er erlebte noch den Beginn des Nationalsozialismus und die Umtriebe der Deutschen Christen, die ihm Sorge machten. Seine Schriftleiterfähigkeiten kamen zur Auswirkung durch die Herausgabe des Festblattes der reformierten Synode Zu Gottes Ehre 1917-1935, das ein wertvolles Bindeglied für die bayerischen reformierten Gemeinden war. Seiner Feder entstammten viele wertvolle Artikel, so etwa über die Reformatoren, und fortlaufende Auslegungen zum Heidelberger Katechismus.

  Der Zusammenbruch 1918 hat Müller nicht nur als einen national gesinnten Deutschen, sondern auch als einen um die Öffentlichkeitswirkung der Kirche bemühten Christen getroffen. So fühlte er sich verpflichtet, nach Möglichkeit den Kräften des Verfalls entgegenzuwirken, und war eifrig um die Bildung national und evangelisch gerichteter politischer Parteien bemüht. Obwohl sie seinen ursprünglichen Idealen nicht voll entsprachen, schloß er sich dann der bayerischen Mittelpartei bzw. der Deutschnationalen Volkspartei an. Durch zwei Wahlperioden gehörte er dem Erlanger Stadtrat 1919-1926 an und wurde dadurch weit über den Kreis der Universität und Gemeinde hinaus in der Bevölkerung bekannt. Lange Zeit wurde die Anekdote kolportiert, daß Müller in einer Sitzung einem sozialdemokratischen Stadtratsmitglied auf dessen Ausführungen hin erwidert haben soll, er sei darüber erstaunt, denn er dächte in der Sache viel sozialer als sein Vorredner. Noch der letzte bayerische König Ludwig III. hatte ihn 1918 zum Geheimen Hofrat ernannt und ihm den Verdienstorden vom Heiligen Michael III. Klasse verliehen. Der bayerische Staat ernannte ihn 1929 zum Geheimen Rat.

  Wie unter Müllers Katheder nicht nur reformierte, sondern in großer Zahl auch lutherische Studenten saßen, so war sein Name weit über Erlangens und Bayerns Grenzen hinaus bekannt. In starkem Maße war er wegen seiner bibelgläubigen und von pietistischer Frömmigkeit geprägten Haltung auch in weiten Kreisen, die angesichts der historisch-kritischen Epoche in der Theologie gerade dies schätzten, ohne auf die konfessionelle Prägung Wert zu legen, ein sehr geschätzter Konferenz- und Festredner. So sprach er schon 1896 bei der Evangelischen Allianz in Frankfurt/Main, 1899 auf der Deutsch-Christlichen Studentenkonferenz und 1901 bei der Wuppertaler Festwoche. In eine enge Verbindung trat er dabei mit den Kreisen der Gnadauer Gemeinschaft. Dabei kam er nicht nur zu großen, reich besuchten Versammlungen. Mit besonderer Liebe diente er auch kleinen örtlichen Kreisen wie etwa den christlichen Bäckern im Nürnberger CVJM. Er wurde Ehrenvorsitzender des CVJM. In den zwanziger Jahren war er auch regelmäßig Redner auf der Blankenburger Konferenz der Evangelischen Allianz, deren Männern er in besonderer Freundschaft verbunden war und deren Richtung er bejahte. Besonders nahe stand er der Deutsch-Christlichen Studentenvereinigung (DCSV), die sich ihm mit besonderem Vertrauen angeschlossen hatte und von ihm viel Förderung erhielt.

  Samuel Müller, der älteste Sohn und spätere Missionsarzt und Direktor des tropenärztlichen Instituts in Tübingen, schreibt über sein Elternhaus: "Wir durchlebten eine überaus sonnige Jugend. Unser gütiger, großzügiger und weitblickender Vater schenkte uns viel Freiheit und öffnete uns früh den Blick für alles Gute und Schöne in der weiten Welt. Alle edlen Künste hatten eine Stätte in unserem Elternhaus. Vor allem wurde die Musik eifrig gepflegt, für die unsere Mutter eine besondere Begabung hatte. Es waren die großen Klassiker, Beethoven und vor allem Bach und Händel, mit denen wir von Jugend auf vertraut gemacht wurden. In zahlreichen Wanderungen mit der ganzen Familie lernten wir die engere Heimat kennen und lieben. Und alljährlich führten uns größere Reisen weiter durch unser schönes deutsches Vaterland. Die Stellung unseres Vaters brachte es mit sich, daß viel Besuch in unserem Elternhaus einkehrte. Außer den Studenten kamen oft führende Männer im kirchlichen Leben Deutschlands und des Auslandes. Missionare aus aller Herren Ländern ließen auch uns Kinder aufhorchen, wenn sie vom Leben und Treiben der Farbigen erzählten. So wurde unser Blick schon früh über die eigenen Grenzpfähle hinausgelenkt und Verständnis vor allem für die religiösen und kirchlichen Probleme in der ganzen Welt geweckt. Dabei wuchs auch der Sinn für geschichtliche Entwicklung. Vater und Mutter waren beide begeisterte Deutsche. Dabei war es ihnen nie zweifelhaft, daß Preußen unter den Hohenzollern das Reich hoch gebracht hatte und zur Führung berufen war. Engstirniger Partikularismus, wie er uns ja in Bayern und im Welfentum Hannovers nahegehend und deutlich entgegentrat, war verpönt. Der Mangel an wirklichem sozialem Verständnis, auch bei den staatserhaltenden Parteien, machte unserem Vater schon früh Sorge. Als Pfarrer der deutsch-reformierten Gemeinde hatte er praktisch Einblick in die tatsächliche Lage der unteren Stände. Durch dies Pfarramt kamen wir Kinder auch in Berührung mit Armen und Kranken und wurden zu Liebe und Dienst für sie erzogen. Das Wichtigste und Kostbarste aber, was wir im Elternhaus empfangen haben, ist der lebendige Glaube evangelischen Christentums. Dieser trat uns bei Vater und Mutter nicht nur als Lehre, sondern als wärmstes Leben entgegen, aus dem alles andere seine Kraft nahm. Ehrfurcht vor der Majestät Gottes und Seines Gesetzes und Eifer für Seine Ehre machte uns der Vater, ein bewußter Jünger Calvins, wohl von Kindheit an wichtig. Aber auf der anderen Seite lebte er in der königlichen Freiheit der Kinder Gottes, wie sie nicht 'lutherischer' gedacht werden kann. Und unsere Mutter war uns in mancherlei Leid und Sorge und vor allem in langen Jahren schwersten Siechtums immer ein sicherer Beweis für die Tragkraft des Glaubens."

  Im ersten Weltkrieg kamen die drei Söhne zum Militär. Als erster fiel der hochbegabte jüngste Sohn Ulrich 1918 als Infanterieoffizier in Frankreich. Müllers Frau litt lange Jahre an Muskelschwund. Mit rührender Sorge hat ihr Mann sie umhegt und sie oft in den Garten getragen. Am Sonntagnachmittag las er am Teetisch, zu dem sich oft viele Gäste einfanden, eine aus einem Predigtband ausgewählte Predigt vor. Studenten und andere Gäste hatten dann den Verfasser der Predigt zu erraten. Da geschah es einmal, daß Müller nach der Verlesung eine strenggläubige ältere Dame fragte: "Nun, Fräulein Laible, wie hat Ihnen denn diesmal die Predigt gefallen?" - "Ach, Herr Geheimrat", war die Antwort, "die Predigt war wundervoll." - "So? Von wem war sie denn?" - "Oh, sicher von Schleiermacher." - "Nein." - "Dann gewiß von Ludwig Hofacker?" - "Nein, auch nicht. Darf ich Ihnen sagen von wem sie war? Die Predigt war von Rittelmeyer." Darauf erbleichte die eben noch Hingerissene vor Entsetzen, weil sie auf den bösen Ketzer Rittelmeyer hereingefallen war: "Ach, von Rittelmeyer? Ja, ich muß sagen, dies gefiel mir nicht und das sagte mir nicht zu." Müller konnte sich königlich freuen, wenn ihm so jemand auf den Leim ging. Alles frömmelnde, unechte Christenwesen war ihm zuwider. Er war von biblischer Nüchternheit. Das Lied "Stille Nacht" mochte er z.B. nicht, da es ihm als romantischer Kitsch erschien. Wenn er von "religiös allzu animierten Damen" sprach, pflegte er ironisch hinzuzufügen: "Sie schmatzten förmlich vor Andacht." Daß die Mission eine wichtige Lebensäußerung der Kirche ist, fand Ausdruck in einem privaten Missionskreis, den Müllers Frau lange in ihrem Haus versammelte.

  Zusammen mit der Familie Müller muß aber nun auch die erweiterte Hausgemeinschaft genannt werden, nämlich das Calvinhaus, das Müller zum Sommersemester 1920 in dem Haus Marquardsenstraße 10, in das er 1918 von der Bergstraße 13 her zur Miete gezogen war, eröffnete und zusammen mit seinem eigenen Haushalt bis zu seinem Tode 1935 führte. Schon vor dem Krieg hatte er als Pfarrer die Absicht, ein solches Konvikt zu eröffnen, und es bestanden Pläne, das deutsch-reformierte Pfarrhaus in der Friedrichstraße durch einen Aufbau zu erweitern. Dies hatte sich durch die Krankheit und das Ausscheiden aus dem Pfarramt zerschlagen. Mit dem Calvinhaus hatte er nun die Möglichkeit, ein paar auswärtigen reformierten Studenten Wohnung bei sich zu bieten. Er führte es auch fort, als seine Frau das Hauswesen infolge ihres Leiden nicht mehr leiten konnte, und auch nach ihrem am 2. Januar 1925 erfolgten Tod. Hier war er ganz der Vater seiner Studenten, denen er es verwehrte, ihn mit "Herr Geheimrat" zu betiteln, sondern gestattete nur die Anrede "Herr Professor". Die Konviktler hatten Gelegenheit, ihren Hausvater vom frühen Morgen bis zum Abend zu erleben und von ihm ungemein viel für ihre theologische Bildung sowie persönliche und geistliche Reife zu profitieren.Klick zeigt Anmerkung Sie alle schildern "Ka-Em", wie ihn die Studenten nannten und wie er sich selbst gelegentlich scherzhaft im Kolleg zitieren konnte, als die Pflichterfüllung in Person. Er führte ein streng geregeltes Leben. Abends ging er früh zu Bett. Er stand im Sommer um vier und im Winter um fünf Uhr auf, machte selbst Feuer im Ofen, arbeitete und weckte seine Studenten gegen sieben Uhr. Nach dem gemeinsamen Kaffeetrinken, bei dem er selbst die Andacht über fortlaufende Bibeltexte hielt und diese mit einem persönlich gefaßten Gebet schloß, trieb er mit seinen Studenten kursorische Lektüre des Alten und Neuen Testaments nach dem Urtext. Hierher gehört das Bonmot, das man in seinen Vorlesungen über die Briefe des Paulus öfter hören konnte: "Abgesehen von den ganz verrückten Hühnern, die die Existenz Pauli und Christi überhaupt leugnen, hat nie jemand die Echtheit dieses Briefes angezweifelt." Ganz feste Regel war, daß Müller nachmittags seinen Spaziergang nach Rathsberg antrat, um dort in der "Schönen Aussicht" seinen Kaffee zu trinken. Auch ein noch so lieber Gast konnte ihn davon nicht abhalten, er mußte mitkommen oder solange auf seine Gegenwart verzichten. Dieser tägliche Spaziergang fand bei jedem Wetter statt. Kaffee und Kuchen brauchten gar nicht erst bestellt zu werden, sondern wurden stillschweigend vorgesetzt. Den beigelegten Zucker sparte er und steckte ihn in die Rocktasche, um ihn daheim in der Zuckerdose abzulegen, die auf dem Frühstückstisch stand. Eine nette Anekdote erzählt, daß sich droben in Rathsberg eines Tages Müller und Althaus im Café trafen. Althaus war zu Pferd gekommen. Als ihm Müller den Zucker zum Kaffee anbot, lehnte er ab. Beim Aufbruch suchte Althaus vergebens sein Stück Zucker, das er dem Pferd geben wollte, denn Müller hatte es mit verzehrt. Daher rührt der Vers, den Studenten darauf machten: "Da Althaus aus dem Fenster schaut, schnell Ka-Em den Zucker klaut." Einmal im höheren Alter nach der Ursache seiner großen geistigen Frische gefragt, antwortete Müller, es müsse wohl daran liegen, daß er seine Gedanken abstellen könne, "wie man ein Kränchen zudreht". Dann sprach er davon, was ihm der tägliche Gang zum Rathsberg bedeute, und beichtete, er habe schon einmal die Schritte von seiner Wohnung bis zu dem bekannten Ziel gezählt.

  Heinrich Bödeker erzählt: "Einmal konnte einer von uns die geplante Pfingstfahrt nicht antreten, weil ein erwartetes Paket ausgeblieben war. Als wir überlegten, was zu tun sei, trat plötzlich Professor Müller ins Zimmer und brachte das Paket, das inzwischen doch angekommen war, ohne daß wir es bemerkt hatten. Trotz seiner 71 Jahre schleppte er das schwere Paket in das zweite Stockwerk des Hauses, weil er wußte, daß wir darauf warteten. Bei vielen anderen Gelegenheiten noch hat er uns seine väterliche Liebe bewiesen. Er machte nie davon viel Aufhebens; er tat, als müsse es so sein. Für uns 'Hausgenossen' war er stets zu Rat und Hilfe bereit. Bis in sein hohes Alter zeigte er eine erstaunliche Offenheit für alle Fragen, die junge Theologen bewegen."Klick zeigt Anmerkung Der Höhepunkt jedes Semesters war ein Fest, "Ka-Ku-Pre-Mu" genannt. Es begann mit einem ausgiebigen Nachmittagskaffee, für den die Haushälterin Berge von Kuchen gebacken hatte. Dann kam die Verlesung einer Predigt, deren Verfasser erraten werden mußte. Zum Schluß wurde Musik gemacht und gesungen. Müller steuerte viel Humor bei. Davon zeugt das Wort: "Mein Liebstes ist mein Bett und meine Kanzel", und sein Lied auf das Bett, das er seine "Jugendsünde" zu nennen pflegte (Melodie: "Steh ich in finstrer Mitternacht"):

O Bett, du holdes Institut,
In welchem sich's so sanfte ruht!
Wär' ohne dich das Paradies,
So würd' ich dort nicht schlafen süß;
So wollt' ich lieber draußen stehen,
Und draußen in mein Bette gehen!

  Auf dem letzten Fest haben ihn seine Konviktler damit überrascht, daß sie ihm dieses Poem, das nur früheren Semestern bekannt war, auf alle möglichen Volks-, Kirchenlied- und Schlagermelodien sangen.

  Von der Fröhlichkeit seines Wesens spricht auch Sprenger: "Es wäre (...) damit (...) eine wesentliche Kraftquelle verschwiegen." "In einer ernsten wissenschaftlichen Arbeit ist ein guter Witz das, was die Rosinen im Kuchen sind", pflegte er selbst zu sagen. Wenn ein Gast, der in den kleinen Garten hinter seinem Hause geführt wurde, seine Verwunderung über die wahrhaft bescheidenen Ausmaße dieser Parkanlage nicht ganz verbergen konnte, wurde ihm gesagt: "Ich pflege mich damit zu trösten: Mein Garten ist genau so hoch wie andere auch."Klick zeigt Anmerkung

  Über Beispiele professoraler Zerstreutheit, mit denen er selbst aufwarten konnte, freute er sich immer wieder mit seinen Studenten, denen er gerne unbefangen davon erzählte. So ist ihm folgende Geschichte passiert: Eines Tages verläßt er nach beendeter Vorlesung das Professorenzimmer, um den Heimweg anzutreten. Durch das gegenüberliegende Flurfenster sieht er, daß es schneit. Unverzüglich vollzieht sich die naheliegende Gedankenverbindung: Es schneit, also muß man den Schirm aufspannen. Ebenso unverzüglich folgt die entsprechende Tat der Einsicht, und so geht der Gelehrte mit dem aufgespannten Schirm durch den Flur und das Treppenhaus im Kollegienhaus. Ehe er die Tür ins Freie erreicht, bemerkt er aber die fröhliche Aufmerksamkeit der Studenten, die sich schon in ungewöhnlich großer Zahl hinter ihm zusammengefunden haben. Er erkennt auch, daß die Fröhlichkeit mit seinem Schirm zusammenhängt, und so klappt er unmittelbar vor der Haustür fröhlich lächelnd den Schirm zu, um dann den Heimweg durch das Schneegestöber mit geschlossenem Schirm anzutreten.

  Es gibt auch eine kleine Schrift aus Müllers Feder, die wenigstens etwas von dem Humor des nicht genannten Verfassers verrät: Ungehaltene Reden über die Predigtkunst von einem nicht unpraktischen Theoretiker. Eine kleine Fotographie zeigt Müller als Schneemann. Im letzten Winter vor seinem Tod hat einer seiner Schüler, der im Konvikt wohnte, Müller in verblüffender Ähnlichkeit aus Schnee nachgebildet. Dieser Schneemann wurde fotographiert und das Bild dann von Müller selbst an gute Freunde mit einigen fröhlichen Zeilen verschickt: "Ich fühle mich gehoben, daß meine Studenten mir schon bei Lebzeiten ein Denkmal gesetzt haben. Allerdings nicht monumentum aere perennius. Es ist längst zerflossen. Gut, daß es im Bilde festgehalten wurde."

  Nicht zuletzt Müller war es, auf dessen Gutachten zur Erstfassung des Römerbriefkommentars (1919) hin der junge Schweizer Pfarrer Karl Barth eine Berufung an eine deutsche Theologische Fakultät erhielt, und zwar auf die neue Honorarprofessur für Reformierte Theologie in Göttingen. Barth kam auf seiner Vorstellungsreise auch nach Erlangen und stellte sich am 1. März 1921 in der Marquardsenstraße 10 bei Müller vor. Später schrieb er: "Was einen Mann wie Prof. Karl Müller in Erlangen, auf dessen Empfehlung meine Berufung vor allem zurückging, und was den emeritierten Pastor Adam Heilmann in Göttingen, der die Sache an Ort und Stelle mit höchstem Nachdruck ins Werk setzte, dazu bewog, gerade mich dorthin zu holen, war wohl schlicht das Formale, daß sie mich in diesem Buch so leidenschaftlich mit der Heiligen Schrift beschäftigt sahen."Klick zeigt Anmerkung

  Mit dem Wintersemester 1933/34 war Müller nach Erreichung des 70. Lebensjahres von der Abhaltung der Vorlesungen entbunden worden. Gebrauch machte er davon nicht. Er las, da noch kein Nachfolger ernannt war, bis kurz vor seinem Tod 1935. Aus diesen letzten Semestern blieben den Hörern viele markante Wesenszüge Müllers wie etwa seine eigentümliche und zur Nachahmung reizende Aussprache mit den überspitzt betonten Konsonanten in Erinnerung. Zu seiner Symbolikvorlesung im Semester vor seinem Tod (Wintersemester 1934/35) brachte er die jeweils fälligen dogmengeschichtlichen Texte mit seiner charakteristischen Handschrift lithographiert mit und teilte sie aus. Da sein berühmtes konfessionskundliches Buch längst vergriffen war, entstand so jedem eine wertvolle Sammlung der wichtigen Texte. Sehr menschlich ging es aber auch bei der mündlichen Prüfung in seinem Arbeitszimmer zu, die er "schmerzlose Zahnextraktion" zu nennen pflegte.

  Obwohl Müllers Kräfte merklich abnahmen, begann er auch im Sommersemester 1935 seine Vorlesungen und Seminarübungen. Am Ostermontag stand er nochmals auf der Erlanger Kanzel mit dem Text 1 Kor 15,57f.: "Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gegeben hat durch unseren Herrn Jesus Christus! Darum, meine lieben Brüder, seid fest, unbeweglich und nehmet immer zu in dem Werk des Herrn, zumal ihr wisset, daß eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn." Am 8. Mai 1935 hielt er noch einmal unter Aufbietung aller Kräfte seine Vorlesung über die Offenbarung. Es war das letzte Mal, daß er die Universität betrat, an der er 43 Jahre gelehrt hatte. Am 20. Mai 1935 ist er ruhig eingeschlafen. Der Plan, seine Dogmatik im Druck erscheinen zu lassen und die vergriffene Symbolik neu herauszugeben, hatte er nicht mehr zur Ausführung bringen können. Das Konvikt wurde aufgelöst. Von der wertvollen Bibliothek Geheimrat Müllers ist nichts erhalten geblieben. Überdauert haben aber ein paar Alben mit den handgeschriebenen Beiträgen der Konviktualen über ihre Konviktzeit und Fotos.

  Unter großer Anteilnahme fand die Trauerfeier statt. Pfarrer Jung hielt die Predigt über 1 Kor 4,1f. Danach sprachen der stellvertretende Rektor der Universität Mangold, der Dekan der Theologischen Fakultät Elert, Vertreter der Erlanger Studentenschaft und der reformierten Synode, Kreisdekan Schieder für die lutherische Landeskirche, Pfarrer Kolfhaus/ Vlotho für den Reformierten Bund, Pfarrer Kamlah/Göttingen für den Bund ev.-ref. Kirchen, ein Angehöriger des Calvinhauses, ein Vertreter der protestantischen Landeskirche der Pfalz sowie der Evangelischen Allianz in Deutschland. Auch bei der anschließenden Beisetzung auf dem Reformierten Friedhof gab es zahlreiche Ansprachen und Kranzniederlegungen. Sprenger schreibt: "Es offenbarte sich da letztmalig um die Gestalt des Gelehrten das Bild einer Vielseitigkeit des Wirkens, die in ihrer Art einmalig und für den Verstorbenen kennzeichnend war."Klick zeigt Anmerkung Das Grab Müllers befindet sich im vorderen Teil des Reformierten Friedhofs nach der Bruckerstraße zu und hat eine liegende Grabplatte. Auf Beschluß des Presbyteriums der Ev.-ref. Gemeinde wurde 1936 am Haus Marquardsenstraße 10 eine Gedenktafel für Geheimrat Müller angebracht. Das Wesen dieses Mannes charakterisiert am besten das von ihm oft zitierte Wort des Täufers aus dem Johannesevangelium: "Er (sc. Christus) muß wachsen, ich aber muß abnehmen." (Joh 3,30).

 

3.6. Paul Sprenger (1935-1945)

Paul Sprenger (1935-1945)

  Paul Sprenger schreibt in seinem Lebenslauf: "In Köln-Mülheim - also am Ufer des Rheins - bin ich am 26. August 1898 geboren. Dort erhielt ich meine Schulausbildung bis zur Reifeprüfung, die ich schon als Soldat ablegte, da ich vom Jahr 1917 an bis zum Ende des Weltkrieges, z.T. an der Front, die Waffen für mein Vaterland tragen mußte. So konnte das Studium erst 1919 beginnen." Sprenger war von Haus aus nicht reformiert, sondern gehörte der Freien Evangelischen Gemeinde an. Sein Vater Friedrich Sprenger, geboren in der Nähe von Arolsen/Waldeck, war Prediger einer dieser Gemeinden zu Köln. Seine Mutter Wilhelmine, geb. Neese stammte aus Lippe. Sprenger wurde als viertes Kind in einem großen Geschwisterkreis geboren. Für seine frühe geistliche Entwicklung war die Teilnahme am Schülerbibelkreis und der von dorther seit der Schulzeit bestehende Freundeskreis, zu dem u.a. Otto Weber zählt, bestimmend. Im zweiten Weltkrieg lag er längere Zeit in einem Nürnberger Lazarett. Dort soll er die Anregung bekommen haben, zum Studium nach Erlangen zu gehen, was er nach Absolvierung der ersten Semester an der Heimatuniversität Bonn auch tat. Darüber schreibt er: "Am wichtigsten wurden für mich aber vier Semester an der Universität Erlangen, wo ich vor allem zu den Füßen des Geheimrats Prof. D. E.F. Karl Müller saß, von dem ich Grundlage und Ausrichtung meiner weiteren theologischen Arbeit empfangen durfte und dessen Amtsnachfolger ich heute sein darf. Promoviert habe ich 1924 (zum Lic. theol.) in Erlangen mit einer Arbeit über Der Begriff der vivificatio nach Paulus in Bezug auf Bedeutung und Wert für die evangelische Rechtfertigungslehre (1925). Ähnlich wie mein verehrter Lehrer bin ich stets gerne solchen Fragen nachgegangen, die sich auf den Grenzgebieten zwischen biblischer Theologie und Dogmatik bewegen, so z.B. auch in dem Beitrag, den ich für die Festschrift beitragen konnte, die zum 70. Geburtstag meines Lehrers unter dem Titel Aus Geschichte und Theologie der reformierten Kirche (1933) erschienen ist." Der Beitrag Sprengers in dieser Festschrift heißt Gefahren und Mißverständnisse des Begriffs Stellvertretung im Dogma vom Kreuz Christi. Sprenger hat außer von Müller auch von Barth, bei dem er zwei Semester in Göttingen studierte, bestimmende Eindrücke empfangen. Zum akademischen Lehramt kam er erst nach längeren Jahren.

  Sprenger lag besonders die Lehrtätigkeit. Er wurde am 1. Januar 1924 theologischer Lehrer an der Predigerschule der Freien evangelischen Gemeinden in Wuppertal-Vohwinkel und 1932-1935 aushilfsweise Lehrer am Seminar der Rheinischen Missionsgesellschaft in Wuppertal-Barmen. Gleichzeitig widmete er seine Kraft seiner Freikirche und war 1924-1926 Prediger der Freien evangelischen Gemeinde in Schwelm. Er heiratete 1925 Else Rosenkranz, die Tochter des Missionsinspektors Rosenkranz von der Allianz-China-Mission in Barmen, und übernahm selbst 1926-1928 die Arbeit eines Inspektors der Allianz-China-Mission. In dieser Eigenschaft hielt er einmal im September 1926 einen Missionsgottesdienst in der Erlanger reformierten Kirche. Aus dieser Zeit stammt das kleine Heft Selig die Armen im Geist (1928). Von 1928 bis 1935 war er Prediger der Freien evangelischen Gemeinde Barmen-Unterdören, immer daneben seinen Dienst an der Predigerschule versehend. Im geistlich regen Wuppertal fanden in jenen Jahren die reformierten theologischen Wochen statt, bei denen Müller, Lang, Barth und Wilhelm Goeters sprachen. Ein schöner Freundeskreis verband Sprenger mit Pastor Herbert Bender, dem Leiter der Wuppertaler Stadtmission, mit Pastor Heinz Volkert, einem gebürtigen Erlanger, und mit Otto Weber, dem damaligen Leiter der Theologischen Schule Elberfeld und späterem Professor für Reformierte Theologie in Göttingen.

  Die Berufung Sprengers zum Nachfolger auf dem Erlanger Lehrstuhl hatte Müller befürwortet, als ihm dieser Vorschlag anstelle der zunächst genannten Alfred de Quervain, Wilhelm Niesel und Hermann Klugkist Hesse bekannt wurde. Er kam am 1. November 1935 zunächst als außerordentlicher Professor nach Erlangen. Daß die Berufung zustande gekommen war, verdankte Sprenger, der nicht habilitiert war, vor allem wohl seinem Freund Weber, der nach einer kurzen Zeit als reformierter Reichskirchenminister in Berlin eben erst 1934 die Professur für Reformierte Theologie in Göttingen erhalten hatte. Daneben setzte sich der Präses des Bundes ev.-ref. Kirchen Deutschlands Kamlah für ihn ein, wobei Webers und Kamlahs Beziehungen zum Ministerium in Berlin zu Hilfe kamen. Von Bedeutung war dabei die politische Haltung Sprengers. Er war aktiver Parteigenosse (NSDAP), was ihm als Prediger der Freien evangelischen Gemeinden durchaus Schwierigkeiten bereitet hat.

  Am 1. April 1938 wurde Sprenger ordentlicher Professor. Die nicht ganz zehn Jahre seines Wirkens in Erlangen waren die spannungsgeladenen Zeiten des Kirchenkampfes. An der Universität nahm die Zahl der Theologiestudierenden stark ab, und schließlich waren es nur noch Kriegsverwundete, die studieren durften. Sprenger erfreute sich großer Beliebtheit. Obgleich er von Haus aus nicht reformiert war, war er doch von seiner Studienzeit her mit reformierter Theologie so vertraut, daß er sie an der Universität vertreten konnte. Eine Untersuchung mit dem Titel Das Rätsel um die Bekehrung Calvins (im Druck erst 1960 erschienen) zeigt seine intensive Beschäftigung mit Calvin, den er in Vorlesungen und Seminarübungen neben exegetischen Kollegs den Studenten nahebrachte. Aus den Kriegsjahren stammt die später im Verlag der Freien evangelischen Gemeinden in Witten/Ruhr erschienene populäre Vortragsreihe Die Bergpredigt.

  Die Situation, die Sprenger an der mit Hermann Sasse, Friedrich Preuß, Werner Elert, Paul Althaus, Hermann Strathmann, Otto Procksch und Friedrich Ulmer bestückten Theologischen Fakultät antraf, war vom hochgespannten lutherischen Konfessionalismus bestimmt. Sprenger erzählte gelegentlich, wie Sasse die Neuauflage seiner Broschüre Was ist lutherisch? , in der er sich Ausfälle gegen die Reformierten leistete, ihm persönlich zur Stellungnahme ins Haus gebracht habe. Diese habe er ihm aber zurückgebracht mit der Bemerkung, daß er sie nicht qualifizieren könne. Als Elert einmal in seiner Ethikvorlesung bei der Behandlung von Kirche und Staat auch auf Calvin in abwertendem Sinn zu sprechen kam, soll sich allgemeines Scharren erhoben haben und auf das verwunderte Fragen Elerts gerade der linientreuste unter Elerts lutherischen Studenten aufgestanden sein: "Das hat uns Herr Professor Sprenger aber ganz anders gesagt." Am nächsten Tag brachte Elert "seinen Calvin" mit ins Kolleg, schlug ihn auf und machte unter Verlesung entscheidender Stellen einen Rückzieher.

  Für die Fakultät war es sehr unangenehm, daß Sprenger NS-Parteigenosse war. Man fürchtete ihn, der das Parteizeichen trug und gelegentlich aus seiner Gesinnung keinen Hehl machte. Von den Theologieprofessoren gehörte sonst keiner der NSDAP an.

  Sprenger war ein beliebter Prediger und hat oft und gern auf der Erlanger Kanzel oder auch in der Nürnberger St. Martha-Kirche ausgeholfen. Es war immer eine Schriftauslegung von ihm zu hören, die den Pädagogen erkennen ließ. Die wesentlichen Dinge wie etwa die Worte Sünde und Gnade konnte er ganz markant und eindringlich hervorheben. Sehr lebhaft und temperamentvoll konnte er sein. Im Gottesdienst erkannte man beim Gemeindegesang an der kräftigen Stimme, daß Sprenger in der Kirche war. Fröhlich schloß er sich den Menschen freundschaftlich auf. Sehr musikalisch und die Gemeinschaft liebend sorgte er in seinem Hause für Musik. Händels Orgelkonzerte erklangen auf Klavier und Harmonium, und ein Kreis von Studenten - der sog. norddeutsche Kreis mit den Namen Marahrens, Brämik, Schibilsky, Rimek, Sroka und Bloechle - versammelte sich eine Zeitlang regelmäßig in seiner Wohnung Henkestraße 12 zum Musizieren mit Klavier, Geige, Bratsche, Cello und Flöte. Im zweiten Weltkrieg wurde Sprenger, der schon lange an Magengeschwüren litt, nicht zum Kriegsdienst eingezogen. Als Lazarettpfarrer für das Kollegienhaus und das Onoldenhaus eingesetzt, konnte er seine Vorlesungen halten. Im Wintersemester 1944/45 hielt er die Vorlesung vom Bett aus in der Wohnung für die wenigen Studenten, Kranken und Versehrten. Er mußte sich im März 1945 einer schweren Magenoperation unterziehen, die keine Heilung brachte. Am 3. April 1945 starb er im Alter von nur 46 Jahren. Er ist auf dem Reformierten Friedhof neben dem Grab Usteris bestattet. Die Beerdigung durch Kirchenrat Jung mußte fast unter Lebensgefahr wegen der ständigen Flieger- und Beschußgefahr in den Tagen vor dem Einmarsch der Amerikaner und darum ohne offizielle Beteiligung der Universität stattfinden.